MARLENE HESS: „BEIM GESTALTEN FÜHLE ICH MICH FREI UND GLÜCKLICH“


Im Rahmen der Kulturbühne 2018 nimmt die Wiler Malerin Marlene Hess an einer Gruppenausstellung im Hof zu Wil teil. Ihre Bilder strahlen eine intensive Wirkung aus und erinnern an Musikstücke mit variierenden Tempi, die sichtbar geworden sind.


Der Pinsel gehört nur ab und zu den Arbeitsgeräten von Marlene Hess. „Ich mache Schüttungen, übergiesse die Bilder und kratze einzelne Schichten zum Teil wieder weg.“ Manchmal integriert sie auch Stücke von Papier sowie von Textilspitzen. Auch flüssiger Teer, sogenannter Bitumen, gehört zu ihren Materialien.

„Wirbelsturm“ by Marlene Hess

Arbeit an mehreren Werken

„Manchmal habe ich zwei, drei Bilder gleichzeitig in Arbeit.“ Einerseits müssen die einzelnen Schichten trocknen, bis sie weiterarbeiten kann. Andererseits brauchen einzelne Bilder auch eine Schaffenspause, bis die nächste Entstehungsetappe möglich ist. „Manche Bilder lasse ich zwei Monate ruhen, bis ich mich wieder daranmache“, erzählte die 54-jährige Mutter zweier erwachsener Kinder.

Malen im geschützten Rahmen

Ihre Art von Gestalten bedeutet für sie ein sehr persönlicher Vorgang, der nahezu etwas Intimes hat. „Manche Bilder mache ich irgendwann an Ausstellungen öffentlich, andere sind nur für mich selber.“ Bei einigen Werken brauche sie Wochen oder Monate, bis sie sie loslassen könne.

Ohne jeden Zweifel ist kreatives Gestalten für Marlene Hess kein blosser kreativer Zeitvertreib; es ist ihr ein tiefes Bedürfnis. Diese Aussage wird durch eine weitere bestätigt: Seit einigen Monaten wohnt sie in einer neuen Wohnung am Wiler Nieselberg. „Der Raum zum Malen ist für mich dort das wichtigste Zimmer geworden.“

Anregungen in der Natur

Die Anregungen zu ihren Sujets findet sie in der Natur. „Nach einem Spaziergang komme ich oft mit vielen Eindrücken zurück.“

Eine weitere Inspirationsquelle ist ihre Arbeit. Marlene Hess ist in Frauenfeld in einer Tagesklinik für psychisch belastete Menschen als Gestaltungstherapeutin angestellt.

Thema und Titel entwickeln sich

„An manchen Tagen komme ich etwas aufgewühlt von der Arbeit heim.“ Dann ist sie froh, wenn sie ihre Stimmungen und Gefühle auf eine Malfläche bringen kann. Dadurch kann sie eine gewisse Distanz zu ihnen schaffen.

Wie sie weiter erläutert, mache sie sich kaum mit einem bestimmten Thema an die Arbeit, es entwickelt sich während des Gestaltungsprozesses, wie auch der Titel, der sich allmählich herauskristallisiert.

Unterschiedliche Phasen

Gestalten scheint für sie so etwas wie ein Seismograf. „Vor einiger Zeit hatte ich eine Lebensphase, wo viel Unruhe herrschte und Veränderungen anstanden. Mittlerweile bin ich wieder mehr zur Ruhe gekommen.“ Diese Unterschiede in der Befindlichkeit sind den Bildern gemäss Marlene Hess deutlich anzusehen. In ihren Werken drücke sich ihr Temperament unmittelbar aus.

Innerlich befreit  

In den letzten ungefähr fünf Jahren habe sie sich in künstlerischer Hinsicht innerlich zunehmend unabhängiger machen können. “Früher habe ich oft danach geschaut, was andere machen oder meinen.“ Mittlerweile fühlt sie sich sehr frei beim Gestaltungsprozess. „Ich bin dann ganz bei mir und denke nicht darüber nach, wie Betrachter später meine Bilder empfinden werden.“ Als sie dies sagt, wirken ihre Gesichtszüge für einen Moment sehr gelöst und entspannt.

Inspirierende Titel

Doch es ist ihr nicht völlig gleichgültig, wie ihre Werke ankommen. „Meine Bilder sollen in den Betrachtern etwas bewirken.“ Dazu bieten sich gewissermassen zwei Ansatzpunkte an: Die Titel wirkend fantasieanregend, sie heissen beispielweise „Blickkontakt“ oder „Sommertraum“, da werden automatisch Erinnerungen an eigene Momente derartiger Empfindungen wach.

„Lebensfreude“ by Marlene Hess

Fantasiebilder

Gleichzeitig wirken sie durch ihre Ungegenständlichkeit wie eine Art Projektionsfläche. („Zum gegenständlich Malen bin ich zu ungeduldig.“) Die wolkigen Zonen, die teils weichen, teils abrupten Farbübergänge sowie die diffusen Strukturen der Oberflächen reizen die Fantasie. Es gibt für das Auge nichts Eindeutiges zu erkennen, jede Interpretation ist zwangläufig sehr subjektiv.

Bilder brauchen Zeit

Wie ein mit viel Gehalt aufgeladenes Gedicht lassen sie vielfältige Resonanzen in Form von Stimmungen, Erinnerungen oder Fantasiebildern anklingen. So gesehen, löst die Dynamik des Prozesses der Entstehung im Betrachter seinerseits einen Prozess aus.
Fazit: Die Bilder von Marlene Hess eignen sich nicht für flüchtige Betrachter.

„Inspiration“ by Marlene Hess

Ausstellung im Hof

Im Rahmen der Kulturbühne 2018 stellte Marlene Hess gemeinsam mit Arthur Wyss, Rolf Klaus, Zora Lüthi, Dani Steinemann und Klara Klaus im Hof zu Wil, 2. Stock, aus. Eröffnung: 30.04., 19 Uhr. Öffnungszeiten: 01., 03. und 04.05. 16:00 -21:00 Uhr; 05.-06.05. 11:00 -18:00 Uhr; Eintritt frei.