MEHR KINDERBETREUUNG ZU LASTEN DER STEUERZAHLENDEN ODER PRIVATSACHE?


„Politikforum Wil“ – Die Wiler Stadtpolitik rückt mit neuer Online-Debatte noch näher an die Bevölkerung 


wil24.ch startet mit einer neuen Rubrik: „Politikforum Wil“. Es nimmt in loser Folge aktuelle gesellschaftliche Themen aus der Region Wil auf und stellt sie zur Debatte. Dadurch können die Wählerinnen und Wähler die Standpunkte ihrer Vertreterinnen und Vertreter  in den politischen Gremien noch besser kennenlernen. Die Stadtparlamentarierinnen und –parlamentarier ihrerseits erhalten eine Plattform, um der Bevölkerung ihre Sicht zu erläutern.  


Den Auftakt macht die Frage:

Braucht es in Wil weitere Tagesplätze für Kinder? Falls ja, sollen diese von der öffentlichen Hand gefördert und finanziell unterstützt werden? Oder aber, sollen sich die Arbeitgeber sowie die erwerbstätigen Eltern selber um Lösungen bemühen?

Die Unternehmerin und Mutter Jenny Schäpper-Uster stellt in Wil ein Defizit an Betreuungsplätzen fest. Vertreterinnen und Vertreter von Wiler Parteien nehmen zu diesem vermuteten Mangel Stellung.


Jenny Schäpper-Uster

„Für die Betreuung unserer beiden Kinder habe ich eine vergleichsweise gute Lösung, ich bin in der glückliche Lage, dass mein Mann immer freitags zu Hause ist. Mittwochnachmittag ist immer Grosi- und Opa-Tag. Weiter gibt es den Mittagstisch der Schule. Und falls es mal eine zusätzliche Betreuung braucht, haben wir eine geniale Tagesmutter. Wie ich aus meinem grossen Bekanntenkreis weiss, haben nicht alle Mütter eine so komfortable Situation. Ich bin der Meinung, dass es in Wil zusätzlich flexible Lösungen braucht, weil der Alltag selten so geregelt abläuft, wie man es brauchen würde. Eine einheitliche Tagesstruktur für die ganze Stadt wäre schon mal ein grosser Fortschritt. Fällt die Schule an einem Nachmittag aus, ist man auf den Goodwill des Umfelds angewiesen. Man kann froh sein, wenn man auf so ein flexibles Umfeld zurückgreifen kann, dies können längst nicht alle. Weil es heute ein begrenztes Angebot gibt, organisiert man sich selbst und meldet keinen weiteren Bedarf. Wird kein Bedarf gemeldet, passiert nichts. Einige Mütter möchten nicht unangenehm auffallen. Andere sind der Meinung, dass sich eh nichts ändern wird. Ein Einsatz für mehr Betreuungsplätze fordert einen zusätzlichen Aufwand an Zeit, dieser ist für die meisten Mütter und Vätern ohnehin schon begrenzt.

Zwar gibt heute bereits Betreuungsangebote der Stadt, die finanziell unterstützt werden, sie sind jedoch nicht flächendeckend. Und ab einem gewissen Einkommen, bekommt man keinen “Rabatt” mehr. Dann wird es extrem teuer zwei Kinder betreuen zu lassen. Es stellt sich für erwerbstätige Mütter dann so dar, als würden sie einem teuren Hobby nachgehen. Unter dem Strich lohnt es sich finanziell meistens nicht arbeiten zu gehen. Ich verstehe, wenn gut ausgebildete Müttern zu Hause bleiben anstatt arbeiten zu gehen. Wenn neben dem Job die Kinderbetreuung organsiert werden muss, kostet es einen grossen Koordinationsaufwand, Geld und Nerven. Die Folge davon ist, dass qualifizierte Arbeitskräfte brach liegen. Der Staat hat in deren Ausbildung investiert, und dann kommen keine Steuereinnahmen aus Erwerbseinkommen zurück. Hinzu kommt, dass Frauen mit längeren Unterbrüchen im Berufsleben oft den Anschluss verlieren. Sie kommen nur schwer wieder an berufliche Stellungen, die ihrer ursprünglichen Ausbildung angemessen sind, somit bleibt der Teufelskreis der tieferen Löhne, also der oft angeprangerten Lohnungleichheit.“

Jenny Schäpper-Uster ist Inhaberin des Gemeinschaftsbüros Büro Lokal Wil, das flexible Arbeitsplätze vermietet. Sie ist Mutter von zwei schulpflichtigen Buben und lebt mit ihrer Familie in Rossrüti.

Guido Wick

Braucht es in Wil mehr Betreuungsplätze für Kinder von erwerbstätigen Müttern?

„Die Frage müsste heissen, ob es ein solches Angebot für erwerbstätige Mütter und Väter brauche. Diese Frage würde ich mit JA beantworten.

Die Arbeitswelt und das Familienleben haben sich in den letzten Jahren stark verändert. So ist heute die Mehrheit aller Väter und Mütter nebst dem Engagement in der Familie erwerbstätig. Mit professionellen Tageschulen könnten die Familien entlastet werden und die Kinder wären gut betreut. Gleichzeitig aber braucht es flexible Arbeitszeitmodelle für Mann und Frau. So könnte Erwerbs- und Familienarbeit besser miteinander vereinbart werden.“

Sollen diese von der öffentlichen Hand mitfinanziert werden, Ja oder Nein?

„Ja. Die Öffentlichkeit steht in der Verantwortung und für Wil wäre es ein erheblicher Wettbewerbsvorteil über gute Tagesschulen zu verfügen. Das Jammern der Ostschweiz über unsere Strukturschwäche bringt uns nicht weiter, wir sind dafür u.a. selber verantwortlich. Wenn wir darüber hinaus die Bedürfnisse der Familien ernst nehmen, profitieren Eltern, Kinder und die Wirtschaft und somit wird Wil als Lebensraum attraktiver.“

Guido Wick, Stadtparlamentarier Grüne Prowil

Christa Grämiger-Bürge

„Familienstrukturen und Ausbildung der Frauen haben sich gewandelt. Frauen sind gut ausgebildet, haben Freude ausserfamiliär zu arbeiten und wollen «am Ball» bleiben. Unsere Wirtschaft ist auf diese Fachkräfte angewiesen. Finanziell schwache Familien brauchen den Verdienst des Partners, und Alleinerziehende müssen arbeiten gehen. Der Bedarf an qualitativ guter und flächendeckender Betreuung ist da, denn auch die Grosseltern bleiben meist bis ins Pensionsalter aktiv. Verglichen mit anderen europäischen Ländern beteiligt sich in der Schweiz die öffentliche Hand deutlich weniger an den Kosten für die familienergänzende Kinderbetreuung. In der Schweiz lohnt sich Erwerbstätigkeit beider Elternteile aus finanzieller Sicht häufig nur bedingt oder gar nicht. Es kann nicht sein, dass Frauen der Wirtschaft erhalten bleiben, zum Wohlstand der Schweiz beitragen und fast ihren ganzen Lohn in die Kinderbetreuung investieren müssen. Zudem ist das Betreuungsangebot oft nicht auf Bedürfnisse von Eltern mit unregelmässigen Arbeitszeiten oder Eltern, die ihre Kinder auch während der Schulferien betreuen lassen müssen, zugeschnitten. Ebenso sind Firmen gefordert, flexible und familienfreundliche Arbeitszeiten und -orte zu schaffen. Ab 2019 stellt der Bund 100 Mio. für die Kantone bereit.  Davon sollen 85 Mio. in die Verbilligung der Kinderbetreuung fliesen. Der Kanton St. Gallen ist gefordert, einen Teil dieser Summe abzuholen und die Gemeinden zu unterstützen, ihre Angebote zu erweitern und zu verbilligen. Ich erhoffe mir, dass die Stadt Wil im Zuge von Schule 2020, dem Label «familienfreundliche Stadt» und der Standortattraktivität, den Familien in Zukunft attraktive Lösungen bieten kann.“

Christa Grämiger-Bürge, Stadtparlamentarierin CVP, Bronschhofen und Stiftungsrätin Kindertagesstätten Wil

Susanne Gähwiler

„Danke, Jenny Schäpper-Uster, die SP unterstützt das Statement betreffend einer flächendeckenden Tagesstruktur. Aktuell gibt es immer wieder Wartelisten, teilweise sogar für den obligatorischen Mittagstisch. Kinder werden anderen Schuleinheiten zugeteilt, damit der kantonale Auftrag erfüllt wird, dasselbe gilt für die Morgen-, Mittwoch- und Ferienbetreuung. Daraus entstehen tageweise wechselnde Bezugspersonen und Peergroups. Dies ist nicht förderlich für das Wohlbefinden und die Entwicklung der Kinder. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Kinder den weiteren Weg selbstständig zurücklegen müssen. Diese Problematik zeigt sich auch bei den Kindergartenkindern. Der Kindergarten ist im Quartier und der Weg zu der Tagesstruktur zu weit. So besteht eine Betreuungslücke zwischen Hort und der Primarschulzeit. Dies ist einer von vielen Gründen, weshalb die SP den Vorstoss zu familienfreundlichen Tagesschulen eingereicht hat, dies im Zusammenhang mit der Fachkräfteinitiative. Es soll mehr Ruhe in den Alltag gebracht werden. Erfreulich, dass die Umsetzung nun im Projekt «Schule 2020» ernsthaft geprüft wird. Es gibt dringenden Handlungsbedarf und zwar sofort.

Zu den Kosten erlauben wir uns eine kritische Anmerkung. Es scheint logisch, dass Tarife einkommensmässig gestaltet werden. Für Frauen in den oberen Einkommensklassen wünschen wir den Weitblick, dass ein Standbein im Beruf langfristig persönliche finanzielle Vorteile bringen kann und sich die relativ kurze Zeit der hohen Betreuungskosten relativiert. Uns stellt sich die Frage, wo denn die Väter sind? Es wird ganz automatisch davon ausgegangen, dass der Staat und die Mütter für die Kinder zuständig sind. Muss sich die Betreuung nicht auch für Väter lohnen?“

Susanne Gähwiler, Stadtparlamentarierin SP, Wil

Erwin Böhi

„Es ist auch für die SVP völlig unbestritten, dass es Betreuungsplätze für Kinder von berufstätigen Eltern braucht. Wil hat bereits ein entsprechendes Angebot und jedes Schulhaus ist einer Tagesstruktur zugeordnet, wo die Primarschülerinnen und Primarschüler vor oder nach dem Schulunterricht bis 18 Uhr verpflegt und betreut werden können. Zudem gibt es die Tagesfamilien, die ebenfalls Kinderbetreuung anbieten und die unter der Aufsicht der Stadt stehen.

Ob es einen Mangel an Betreuungsplätzen in Wil gibt oder nicht ist schwer zu sagen, denn das hängt von den individuellen zeitlichen und organisatorischen Erwartungen der Eltern an.

Die Tarife für die Kinderbetreuung werden nach dem Einkommen berechnet. Die Stadt hat ein sehr differenziertes Tarifberechnungssystem ausgearbeitet, das insgesamt 58 verschiedene Stufen umfasst. Je nach Einkommen zahlt man zwischen  rund 11 und 77 Franken pro Tag und Kind.

Die Betreuung im Rahmen einer Tagesstruktur dient nicht nur der Entlastung der Eltern, sondern hat auch einen erzieherischen Wert für die Kinder. Darum sind weder die vermeintlichen fehlenden Angebote, noch die in der Tat beträchtlichen Kosten das Hauptproblem. Vielmehr sind es diejenigen Eltern, die ihrer Erziehungsverantwortung nicht vollständig nachkommen wollen oder können und die oft wenig Bereitschaft zeigen, ihren Kindern die Teilnahme an einer Tagesstruktur zu ermöglichen. Dort sollte die Stadt vermehrt ansetzen, umso mehr als der Schulsozialarbeit diese Fälle bekannt sein sollten.“

Erwin Böhi, Stadtparlamentarier SVP, Wil

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