QIN STRELLER-SHEN MACHT MUSIK, DIE NACH INNEN WIRKT


Die in Henau wohnhafte Qin Streller-Shen ist studierte Berufsmusikerin. Ihr chinesisches Instrument Guqin ist weit mehr als ein unterhaltsamer Zeitvertreib, es ist ihr persönlicher „way of life“.


„Das Instrument ist mehr als ein Instrument, es ist wie ein guter Freund“, erläutert Qin Streller-Shen. Die Musik, die sie damit macht sei etwas sehr Persönliches. „Guqin spielt man für sich selber oder im kleinen Kreis.“ Daher lehnt sie Einladungen, zum chinesischen Neujahr oder bei anderen Feierlichkeiten einige Stücke zu spielen ab. Sie gab schon Konzerte vor einigen hundert Menschen in verschiedenen Schweizer Städten, aber Aufführungen vor grossem Publikum bilden für sie klar die Ausnahme.

In Musikerfamilie aufgewachsen

Die chinesische Zither ist für Qin Streller-Shen eine Art Lebensphilosophie, an der man sich entwickelt und wächst. „Lieder die ich mit Zwanzig gespielt habe, spiele ich heute, mit bald Fünfzig, wesentlich anders. Die Lebenserfahrung hat mich geprägt.“
Wie sie erläutert, ist das Spielen eine Form von Musikmeditation, vergleichbar mit Tai Chi, eine Form von Meditation in Bewegung. „Die Musik wirkt tief nach innen“. Sie entspricht der chinesischen Philosophie, die die Extreme meidet und den Mittelweg und die Ausgewogenheit betont, erläutert die Frau, die im Süden Chinas geboren und in Beijing aufgewachsen ist.
Beide Eltern sind Musikprofessoren. „Mein Vater drängte schon früh darauf, dass ich Guqin spielen lerne.“ Sie wurde ab dem Alter von sechs Jahren regelmässig am Piano unterrichtet und übte jeden Tag drei Stunden. Ihre Lehrerin war eine Professorin des Konservatoriums Beijing, das zu den besten Adressen für die musikalische Ausbildung in China gilt.

Wichtiges Kulturgut verloren

Als sie schliesslich als junge Frau ans Konservatorium kam, wurde sie dort aufgefordert, zusätzlich ein chinesisches Instrument zu lernen. Sie entschied sich für die chinesische Zither. Deren Geschichte reicht über 3000 Jahre zurück. Sie ist Teil der besonders edlen chinesischen Künste, zu denen auch Dichtung, Kalligrafie und Malerei zählt. Sie wurden vor allem in höher gestellten Kreisen gepflegt. „Heute bin ich froh, dass ich mit dem Spielen der Guqin etwas später angefangen habe, es ist ein Instrument für reifere Menschen.“ Schmunzelnd fügt sie an: “Es ist nie zu spät, Guqin zu lernen.“

Instrument der Maler, Dichter, Philosophen und Könige

Die Guqin ist traditionell das Instrument der Maler, Dichter, Philosophen und der Könige. Dies wurde ihm zum Verhängnis: während den politischen Umwälzungen wurden viele Noten und Aufzeichnungen vernichtet. Damit werden heute wesentliche Elemente der Entwicklungsgeschichte der Musik vermisst.
Derzeit erlebt die Guqin in China eine Art Renaissance, worüber sich Qin Streller-Shen sehr freut. Insbesondere junge Menschen interessieren und begeistern sich wieder für die Wurzeln ihrer eigenen Kultur. Das Instrument und seine Musik wurden von der UNESCO in das kulturelle Erbe der Menschheit aufgenommen.

Musikforschung im Feld

Von 1991 bis 1999 studierte die Künstlerin am China Conservatory of Music in Beijing westliche sowie chinesische Musik, sie erwarb Bachelor-Abschlüsse in Musikwissenschaft und in Solmisation. Eine zusätzliche Ausbildung in Musikethnologie schloss sie mit einem Master-Diplom ab. „Während des Studiums machten wir Feldforschung bei einer ethischen Minderheit in Südchina, nahe der Grenzen zu Vietnam“, erinnert sie sich. „Dies gefiel mir sehr, wir erforschten nicht nur ihre Musik, sondern auch die Lebensweise dieser Menschen.“

Erfahrung in der Hotellerie

1999 lernte sie in China ihren Schweizer Mann kennen, mit dem sie heute in Henau lebt. Sie haben zusammen einen Sohn im Pubertätsalter. In den beiden Firmen ihres Mannes ist sie als Buchhalterin tätig. Zu ihrem Werdegang gehört auch eine Ausbildung an der Hotelfachschule in Lausanne sowie eine Stelle in der gehobenen Hotellerie.

Kulturvermittlung

Sie ist auch als Lehrerin tätig, rund zehn Schüler führt sie in die Kunst des Guqin-Spielens ein. Einmal pro Monat unterrichtet sie das Instrument auch am Konfuzius-Institut der Universität Basel. „Es sind weltweit stets ganz besondere Menschen, die sich für die Guqin und ihre Musik interessieren.“
Regelmässig organisiert sie Treffen mit andren Guqin-Spielern, sogenannte Yaji, sie dienen der Kulturvermittlung. Dabei sind auch Personen willkommen, die das Instrument nicht aktiv spielen. Dies Treffen zeichnen sich durch eine ungezwungene Atmosphäre aus: „Sie ist sehr persönlich, spontan und entspannt.“

www.qinqin.ch