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Wirtschaft
29.12.2021

"Die Bäume wachsen nicht in den Himmel"

Bild: Px/Linth24
Ein sehr gutes Börsenjahr 2021 geht dem Ende zu. Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen und nach vorne zu schauen. Darüber sprachen wir mit unserem Kolumnisten, Wirtschafts- und Börsenexperten Christopher Chandiramani.

Corona, Lieferengpässe, Inflation – die grossen Themen, welche die Finanzmärkte in diesem Jahr in Atem gehalten haben. Dennoch hat sich der SMI gut entwickelt. Wo sehen Sie die Gründe dafür?
Christopher Chandiramani: Nach dem Corona-Jahr 2020 mit Lockdowns hat sich die Wirtschaft überdurchschnittlich schnell erholt. Es gab im Jahresverlauf kräftige Steigerungen der Umsätze und Unternehmensgewinne. Die staatlichen Hilfspakete bzw. Finanzspritzen gaben zusätzlichen Schub. Zudem war die Zinspolitik der Notenbanken expansiv. Tiefe Zinsen heisst üblicherweise auch steigende Aktienbörsen. 

Omicron wird als grosse Gefahr für die Wirtschaft und den Aktienmarkt bezeichnet. Wie beurteilen Sie die Gefahr für unsere Wirtschaft?
Es ist richtig, dass Unternehmungen wie Swisscom, Post, Detailhandel und Banken usw. mit grösseren krankheitsbedingten Absenzen rechnen müssen und entsprechende Massnahmen treffen. Das hat es jedoch schon früher bei einzelnen Grippewellen gegeben. Einen Einfluss könnte es auf die Grundversorgung haben, vermutlich aber weniger als  die schlimmsten Befürchtungen. Die restriktive Personalpolitik könnte jedoch auch Spuren hinterlassen. Die Inflation ist vor allem in den USA, GB und der EU ein Problem. Fünf Prozent und noch höhere Preissteigerungen zwingen die Notenbanken zu handeln. In der Schweiz hält sich aber die Inflation mit 1.5 Prozent vorläufig in engen Grenzen. Die Nationalbank hat gut gearbeitet.

Gerade die Lieferengpässe verschiedener Produkte, wie zum Beispiel im Chipbereich, könnten die Konjunktur ebenfalls ausbremsen.
Mit dem Einfluss der Lieferengpässe und Fachkräftemangel rechnen auch verschiedene Konjunkturexperten der Schweiz. Die Maschinenindustrie, Elektronik und Autozulieferer trifft es am stärksten. Das Bruttoinlandsprodukt könnte im Jahre 2022 um schätzungsweise 0.5 auf unter 3 Prozent fallen.  

"Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen." Dennoch möchten wir gerne eine Einschätzung, wie sich der SMI nächstes Jahr verhält.
Nach einem sehr guten Jahr 2021 mit über 20 Prozent könnten die Aktienbörsen eher etwas konsolidieren. Bäume wachsen nicht in den Himmel. Aber aufgrund der Gewinndynamik und Dividendenerhöhungen sind auch Zwischenrallys möglich. 

Welche Branchen und Märkte werden aus Ihrer Sicht «performen»?
Die Pharmaindustrie dürfte pandemie-bedingt stark bleiben (Medikamente, Impfstoffe). Die grosskapitalisierten SMI Werte erfreuen sich immer grosser internationaler Nachfrage. Versicherungen haben die höchsten Dividendenrenditen. Grossbanken bleiben vermutlich kursmässig im Rückstand. Auch im Tourismus- und Eventbereich dauert die Erholung länger.

Wo sehen Sie den SMI Ende 2022?
Mit dem Wirtschaftswachstum und den Restrukturierungsgewinnen sind trotz leichten Zinserhöhungen Verbesserungen von 5 Prozent auf etwas über 13‘500 Punkte nicht ausgeschlossen. Im Falle von höheren Zinsen und nachlassender Wirtschaftsdynamik wird  Geld anlegen anspruchsvoller und verleitet vermehrt zur Selektion in Einzelaktien.

Rolf Lutz, Linth24 / Wil24