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Stadt Wil SG
22.07.2022
26.07.2022 10:28 Uhr

Johann Georg Müller – das Ausnahmetalent

Johann Georg Müller und eine seiner Zeichnungen (ehemalige Rückansicht des Hofs mit Dienerschaftskapelle, von der Hofbergstrasse gesehen). Bild: wilnet.ch
In über 800 Jahren Stadtgeschichte lebten ganze Reihe aussergewöhnlicher Frauen und Männer in Wil. wil24.ch zeichnet diesen Sommer Biografien von zwölf Wiler Persönlichkeiten nach. Die neunte Person ist Johann Georg Müller – das Ausnahmetalent.

von Adrian Zeller, Journalist

Der Wiler Johann Georg Müller war dreifach begabt: er war bildender Künstler, Dichter und Architekt. Allerdings blieb ihm zur Entfaltung seiner Talente nicht viel Zeit.   

Johann Georg Müller wurde 1822 in Mosnang geboren. Als er 11 Jahre alt war, übersiedelte die Familie nach Wil. Im Haus «Frohsinn» an der Ecke Fürstenlandstrasse/Neulandenstrasse erinnert eine Gedenktafel an den begabten Künstler, der dort seine Jugendjahre verbrachte.

Früh wurde man auf seine Begabungen aufmerksam. In Wil war es sein Zeichnungslehrer Franz Müller, der das schöpferische Talent des Knaben förderte. Beide trugen zufällig den gleichen Nachnamen, waren aber nicht verwandt. Nach der Kantonsschule folgte eine Lehre beim Architekten Kubly in St. Gallen. Dieser hatte unter anderem das Kirchplatzschulhaus in Wil gebaut.

Bekanntschaft mit Gottfried Keller

Sein Lehrmeister vermittelte ihm eine Anstellung in München beim Architekten Ziebland. In der bayrischen Metropole besuchte Müller zudem die Königliche Akademie der Künste. In München kam er auch mit dem Schweizer Nationaldichter Gottfried Keller in Kontakt, der feststellte, dass Müller auch ein begabter Lyriker war. Der Komponist Robert Schumann vertonte später ein Gedicht von Müller.

Es folgte eine Anstellung in Basel, wo der junge Architekt Müller mit Rudolf Merian in Kontakt kam. Der Vermögende lud ihn 1842 zu einer längeren Studienreise nach Italien ein, wo sie berühmte Bauwerke in Florenz, Rom sowie auf Sizilien besuchten. Müller legte einen Entwurf über die Vervollkommnung der Fassade des Domes von Florenz vor, der grosse Beachtung fand, aber nie umgesetzt wurde.  

Rückkehr der Gotik

Johann Georg Müllers Lebenszeit fiel in eine Phase grosser Umbrüche. Europa wurde nach und nach von der Eisenbahn erschlossen. Und in immer mehr Fabriken lärmten Maschinen. Als Reaktion auf diese irritierenden Veränderungen entstand eine idealisierende Rückbesinnung auf die Vergangenheit, es entstand die Epoche des Biedermeiers und der Romantik. Insbesondere das Mittelalter mit seinen Burgen und Sagen war damals ein beliebtes künstlerisches Motiv. Daraus entwickelte der Stil der sogenannten Neugotik. Damals gebaute Kirchen, Verwaltungsbauten, Markthallen, Bahnhöfe sowie Schulen und Universitäten erinnern dem Zeitgeschmack entsprechend an gotische Kathedralen. Johann Georg Müller gilt bei Experten als typischer Vertreter dieser Neugotik.

Ein besonders bekannter Beleg dafür ist die St. Laurenzen-Kirche in nächster Nähe zum St. Galler Dom. Müller entwarf die Pläne für die Renovation. Allerdings wurde der Architekt aus Wil nur gerade 27 Jahre alt, er starb 1849 an Lungentuberkulose. Die Umsetzung seiner Vorlagen an der Kirche in der Kantonshauptstadt erlebte er nicht mehr.

Professur in Wien  

Wenige Jahre vor seinem Tod wurde Müller beauftragt, die Altlerchenfelder Kirche in Wien zu bauen. Auch diese Umsetzung seiner Pläne erlebte er nicht mehr. In der österreichischen Hauptstadt wurde er zudem als Professor für Baukunst an die k.u.k. Ingenieurakademie berufen. Er starb, bevor er seine Lehrtätigkeit aufnehmen konnte.

Adrian Zeller, Journalist