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Kultur
04.08.2022
08.08.2022 16:14 Uhr

Jakob Joseph Müller - Wiler Rokoko-Künstler

Jakob Joseph Müller (Selbstportrait) und Ausschnitt seines Deckengemäldes in der Kirche Maria Dreibrunnen, Bronschhofen. Bild: wilnet.ch / Adrian Zeller / wil24.ch
In über 800 Jahren Stadtgeschichte lebten ganze Reihe aussergewöhnlicher Frauen und Männer in Wil. wil24.ch zeichnet diesen Sommer Biografien von zwölf Wiler Persönlichkeiten nach. Die zehnte Person ist Jakob Joseph Müller - Wiler Rokoko-Künstler.

von Adrian Zeller, Journalist

Nach einer kürzlichen Renovation strahlen die Farben des monumentalen Deckengemäldes in der Kirche Maria Dreibrunnen mit neuer Intensität. Geschaffen hat es der Wiler Kunstmaler Jakob Joseph Müller. Er löste damit ein Versprechen ein.

Jakob Joseph war ein Sprössling der Müller-Dynastie, die im Steinhaus zuhause war. Das Steinhaus stand an der Stelle der heutigen Niederlassung der St. Galler Kantonalbank. Am 30.Juli 1729 kam er zur Welt. In einigen Unterlagen ist der 28. Juli als Geburtsdatum vermerkt.

Sein Vater betrieb mit Partnern in Wil einen künstlerischen Malerbetrieb. Dort erhielt Jakob als Kind seine ersten Anleitungen im Zeichnen. Als Neuzehnjähriger reiste er dann nach Rom. Dort nahm ihn Corrado Giaquinto als einen seiner Schüler auf. Giaquinto gilt als ein bedeutender Maler des Rokoko.

Der Lehrmeister wurde als Direktor der Königlichen Akademie in Madrid ernannt. Müller folgte ihm. Der Wiler Künstler errang dort als herausragendes Talent den ersten Preis an der Akademie in Form eines Diploms und einer Goldmedaille. Beides wurde ihm in Anwesenheit des spanischen Königs verliehen.

Gelöbnis für ein Deckengemälde

In Spanien vermählte sich Müller mit einer Auslandschweizerin. Als sein Vater 1759 starb, kehrte er mit seiner Familie nach Wil zurück. 1761 bot er dem Rat von Wil an, kostenlos die Decke von Maria Dreibrunnen zu bemalen, wenn der Rat dafür die Kosten für das Material übernehme. Müller soll damit ein Gelöbnis eingelöst haben: wenn er unbeschadet von Madrid nach Hause zurückkehren würde, so wolle er dieses Deckenbild malen. 
1763 fertigte er zudem Medaillonbilder für die Seitenwände der Kirche an, die Wiler Familien gestiftet hatten.

Künstlerische Spuren in Kirchen

Insbesondere in der Ostschweiz erhielt der Künstler zahlreiche Malaufträge in Kirchen, so etwa im St.Galler Dom, in Niederbüren, in Mühlrüti, in Wattwil, in Hemberg, in Wallenwil, in Mörschwil, in Wildhaus, in Bernhardzell. Viele seiner Bildnisse sind mittlerweile verschwunden oder verändert worden. Das Deckengemälde in Dreibrunnen gilt als eines der letzten erhaltenen Originalwerke.

Jakob Joseph Müller kennt man heute vor allem als Schöpfer von Bildnissen im stilistischen Übergang vom Barock zum Rokoko. Doch der begabte Kunstschaffende verfügte noch über andere Fähigkeiten: In seiner Vaterstadt machte er auch in der Verwaltung und in der Politik Karriere. Er übte verschiedene Funktionen aus, er war unter anderem für die Wiler Finanzen zuständig, amtete als Ratsherr, als Richter, als Kirchenpfleger und war zeitweise auch Stadtoberhaupt. Zudem hatte er eine Handelsfirma für Textilen sowie für Vanille und Schokolade, und er betätigte sich auch als Gastwirt. Zeitweise verdiente er zudem Geld als Kunsthändler.
Mit hohem gesellschaftlichem Ansehen und einem immensen Lebenswerk ist Jakob Joseph Müller 1801 verstorben.

Adrian Zeller, Journalist