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Kultur
14.09.2022
14.09.2022 10:45 Uhr

«Da sind wir wieder!»

Bild: zVg / wil24.ch
Mit einem Solokonzert der Pianistin Eleonora Em eröffneten die Baronenhauskonzerte die neue Saison – nach der zweijährigen Corona-Zwangspause.

«Da sind wie wieder!»  mit diesen Worten begrüssten Andrea und Roland Bosshart, die im Auftrag der Ortsgemeinde Wil die Baronenhauskonzerte organisieren, ihr Publikum. Für das kurzfristig wegen Krankheit abgesagte Duo Yuko Ishikawa, Violine und Isabel Bösch, Klavier, war in Eleonora Em eine herzliche und begeisternde Pianistin als Ersatz gefunden worden.

Chopin-Werke

Gleich zwei Chopin-Werke standen am Beginn des Programms. Das berühmte Fantasie-Impromptu und die etwas schwerere G-moll Ballade. Gleich zu Beginn bezauberte die Pianistin mit ihren Fingern, die mit Leichtigkeit über die Tasten schwebten und einem Frühlingsregen gleich die daraus aufsteigende Melodie umfingen. Dem nachfolgende G-moll verlieh Em eine wunderbare Schwere, ohne ins Schmerzvolle abzugleiten, und liess in ihrer Interpretation sogar einen Funken Dankbarkeit durchblitzen, einen Hoffnungsschimmer. Ihre Virtuosität gipfelte abschliessend in einer herrlichen Vitalität, einem Aufbäumen gleich.

Slawische Volkslieder

Tschaikowskys «Dumka», eine Art Sammlung ländlicher Szenen, die in einem farbigen, von der Pianistin abgegebenen Programm mit Ölgemälden illustriert waren, enthüllte weiter die ganze pianistische Brillanz von Eleonora Em. Sie verstand es, die Teile bildreich zu gestalten, volkstümlich heiter bis zu schwer melancholisch. Musik, die Brücken schlägt und Herzen verbindet, für die es keine Grenzen gibt: mit keinem Wort wurden die aktuellen Vorgänge im russischen Heimatland des Komponisten und der «Dumka» erwähnt, die russische, slawische Volksseele durfte sich frei entfalten.

Volltönende Bearbeitung

Der Walzer aus Charles Gounods Oper «Faust» wird vielen Klavierschülern ein Begriff ein. Mit wunderschön herausgearbeiteter Melodie über wie Sprudelbläschen perlenden Arpeggien hatte dieses Arrangement zwar etwas von der Transparenz des beginnenden Impressionismus in der Orchesterfassung verloren, was aber der volltönenden Bearbeitung durch den Komponisten selbst geschuldet ist. Einmal mehr begeisterte die Brillanz und Virtuosität der Pianisten  - die nach dieser so überaus kraftvollen Interpretation die Haare zurückbinden und die Fenster öffnen musste.

Jazzige Klänge

Verspielt und frech die abschliessende «Rhapsody in Blue» von George Gershwin: Mit spürbarer Freude an Synkopen und Jazzharmonien brachte Eleonora Em ganz neue Klänge ins Baronenhaus - und kratzte dabei an den Grenzen des klanglichen Fassungsvermögens des Konzertraumes.

Dass Em jeweils eine ausführliche Einführung in die Werke gab, war eine wunderbare Möglichkeit für sie selbst, in die jeweilige Persönlichkeit der Stücke hineinzuwachsen. Das Publikum konnte dadurch aber auch eine viel nähere Beziehung zu der Pianistin aufbauen, die dies mit ihrer Herzlichkeit sehr leicht machte.

Und dann die Zugabe – bei den ersten Tönen mochte man sich zurücklehnen: «Ah, ja, der türkische Marsch von Mozart, kenn’ ich, habe ich auch schon gespielt». Doch bereits bei der ersten Wiederholung verirrten sich bereits noch irritierende Töne in das Stück und am Ende hatte Em einen grandiosen Bogen von der eleganten Klassik über die schwere Romantik bis zu den jazzigen Elementen des 20. Jahrhunderts geschlagen.

pd / wil24.ch