Home Region In-/Ausland Sport Magazin Agenda
Kanton SG
23.08.2020
13.09.2020 07:05 Uhr

Dr. Gut: "Mensch Hubacher"

Der mit 94 Jahren verstorbene Helmut Hubacher war links und gar nicht nett zu seinen Gegnern. Trotzdem musste man ihn mögen. Solche Politiker sind heute rar.

(Dr. Philipp Gut, Kolumnist Wil24)

Helmut Hubacher, über viele Jahre der markante Leuchtturm der Schweizer Sozialdemokratie, teilte gerne aus. Sein Mundwerk war eine Waffe, und er schonte weder seine Gegner noch seine Parteikollegen. Die Duelle mit seinem Gegenspieler Christoph Blocher in der «Arena» der 1990er-Jahre waren echte Strassenfeger. Tempi passati. Am Mittwoch ist Hubacher in seinem 95. Lebensjahr gestorben.

Wie ein betörendes Parfüm

Doch Hubacher war weit mehr als ein begnadeter Polemiker. Trotz seines messerscharfen Profils strahlte er eine menschliche Wärme aus wie andere ein betörendes Parfüm. Dabei war er kein Charmeur, kein Menschenfänger. Er zog die Leute in seinen Bann, weil er für jeden Mensch, ob er nun berühmt oder ganz normal war, das gleiche ungekünstelte Interesse zeigte.

Ohne falsche Rücksichten auf Freund und Feind

Ich habe Helmut Hubacher zuletzt im Oktober 2019 nach den eidgenössischen Wahlen in seinem bescheidenen Haus im jurassischen Courtemaîche besucht. Er war wie immer: Ohne falsche Rücksichten auf Freund und Feind, aber dennoch mit dieser ihm eigenen tiefen Menschlichkeit. Immer wieder lachte er laut und herzlich auf. Er redete viel über Politik. Aber als «das Beste, was mir je eingefallen ist», bezeichnete er seine wöchentliche «Sprechstunde». Dort erteilte er gratis Ratschläge an Hilfebedürftige.

Rettung für das verprügelte Männlein

Einmal, so erzählte er, kam ein kleines, nur 1,50 Meter grosses Männlein und klagte, er werde regelmässig von seiner hünenhaften Frau verprügelt, wenn er nach der Lohnzahlung mit seinen Kollegen ein Bier trinken gegangen sei. Hubacher fragte nach und entdeckte, dass auch die Schwiegermutter unter demselben Dach wohnte und wahrscheinlich die Ursache des Übels war. Er suchte dem ungleichen Paar eine neue Wohnung weit weg von der Schwiegermutter. Und tatsächlich: Der Mann bekam nun nicht mehr «auf den Ranzen». Solche menschlichen Erfahrungen empfand Hubacher als der schönste Teil seiner Arbeit als Politiker.

Solche Politiker sind heute rar

Solche Charaktere, wie Hubacher einer war, sind heute rar. Er begegnete seinem Gegenüber stets mit Respekt, auch wenn er es politisch knallhart bekämpfte. Diese menschliche Offenheit haben nur wenige. Die meisten Politiker verschanzen sich lieber hinter ihren Ideologien oder der politischen Korrektheit. Bei manchen linken Kollegen von Helmut Hubacher kommt hinzu, dass sie sich wegen ihrer angeblich ach so guten politischen Einstellung moralisch überlegen fühlen. Das erschwert die freie Debatte und einen lockeren Umgang jenseits des politischen Schlachtfelds. Mensch Hubacher, du wirst der Schweiz fehlen!

Kolumne Dr. Philipp Gut