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Kultur
12.03.2020
06.09.2020 16:06 Uhr

KULTURSTADT WIL: AUSDAUER UND ENGAGEMENT FÜHREN ZUM ZIEL

Im März debattiert das Wiler Stadtparlament über eine Umnutzung des leerstehenden Liegenschaftskomplexes «zum Turm». Eine Motion will, dass aus ihm ein Begegnung-, Kultur- und Musikschulzentrum wird. Wie das Beispiel des heutigen Gare de Lion zeigt, erfordern Kulturprojekte in Wil viel Idealismus und einen langen Atem.

(Adrian Zeller)

Vor vierzig Jahren herrschte im kulturellen Bereich Aufbruchstimmung in der Schweiz. Unter dem Slogan «Züri brännt» kam es in Zürich mehrfach zu Scharmützeln zwischen Demonstranten und der Polizei.

Brauereigebäude als Kulturzentrum

Auch in Wil forderte eine Gruppe von jungen Leuten, die sich Kulturlöwen nannten, eine Stätte die für alle Formen der Kultur offen sein sollte. Als geeignet Liegenschaft  erkannten sie das stillgelegte Depot der Brauerei Löwengarten auf dem Bleichplatz. Das damalige Stadtparlament lehnte 1986 den entsprechenden Antrag ab und beschloss den Abbruch des Backsteingebäudes. Heute sind dort Parkplätze angelegt.

Für die Kulturleute war dies ein Affront. Als neue Lösung wurde der benachbarte Garagentrakt an der Haldenstrasse, die sogenannten Stallungen, ins Auge gefasst. Gegen den Kreditbeschluss des Parlaments wurde jedoch das Referendum ergriffen. Die Wiler Stimmberechtigten lehnten die Vorlage mehrheitlich ab.

Bei den Kulturlöwen machte sich in der Folge Unmut und Frustration breit. 1988 wurden diese Garagen von jungen Leuten besetzt. Um weitere Eskalationen zu verhindern, suchte der damalige Stadtpräsident Hans Wechsler in der Nacht vor Ort das Gespräch mit den Protestierenden.

Bahnschuppen als Zufallsfund

Die Gruppe der Kulturlöwen und die Stadtregierung blieben im Dialog. Man suchte nach Lösungen bezüglich Kulturräumen, der Hof sowie ein Pavillon wurden als mögliche Standorte diskutiert. Beide Ideen wurden nicht realisiert.

Auf der Suche nach einer geeigneten Liegenschaft wurde der engagierte Kulturlöwe Renato Müller in der Nähe des Silos fündig. Ein ehemaliger Schuppen der ehemaligen MittelThurgau-Bahn (MThB) wurde von einer Baufirma als Lager genutzt. Die Stadt mietete dieses Gebäude und vermietete es ihrerseits an den Verein Kulturlöwe. Mietbeginn war der 1. März 1989. Die Baumfirma erhielt ein Ersatzlager zugewiesen.

Erhebliche Kostenüberschreitung

Zur baulichen Anpassung der Remise bewilligte die Stadt einen Betrag von 180 000 Franken. Im März 1989 begannen die Umbauarbeiten. Drei Mitarbeiter aus dem Kulturlöwen-Umfeld wurden zu je 70 Prozent angestellt. An den Arbeiten beteiligten sich auch freiwillige Helferinnen.

Vom Stadtparlament waren für den Ausbau der Remise zwei Etappen vorgeschrieben: Als erster Schritt war die Fertigstellung der Musikbeiz geplant, in einem zweiten die Fertigstellung der an die Beiz anschliessende Halle.

Der Kulturlöwe-Verein hielt sich weitgehend an den Parlamentsbeschluss, trieb aber auch den Ausbau der Halle voran, da diese für die Nutzung der Remise unentbehrlich war, der Platz der Musikbeiz allein reichte für die geplanten Aktivitäten nicht aus. So kam es, dass bis Ende 1989 ein Betrag von rund 300'000 Franken verbaut war, inklusive Kosten für die festangestellten Mitarbeiter.

Der einmalige Baubeitrag der Stadt von 180'000 Franken sowie ein zusätzlicher Betrag von 30'000 Franken von privater Seite waren aufgebraucht, und der Verein Kulturlöwe sah sich mit einem Berg von Schulden konfrontiert.

Erstes Kulturprogramm

War dies das Ende des Projekts oder sollten möglichst bald Einnahmen generiert werden? Der Verein entschied sich für letzteres. Im Dezember hatte die Musikbeiz die Bauabnahme hinter sich gebracht und die Betriebsbewilligung von der Stadt erhalten; Weihnachten-Neujahr 1989/90 nahm der Kulturlöwe mit einem Konzertprogramm den Betrieb auf.

Die Halle jedoch war noch nicht betriebsbereit. Die Stadt erteilte zunächst keine Betriebsbewilligung, da die Halle noch nicht den baulichen Vorschriften entsprach, insbesondere die Isolierung, die Lärmimmissionen zu den Nachbarn verhindern sollten.

Entgegenkommen der Stadt

Nach Verhandlungen erteilte die Stadt der Remise eine provisorische Betriebsbewilligung für die Halle bis zum 31.März 1990. Der Verein Kulturlöwe seinerseits verpflichtete sich, ab April 1990 freiwillig auf Veranstaltungen in der Remisen-Halle gänzlich zu verzichten, sollte die Isolierung bis dann nicht abgeschlossen sein.

Somit war der Startschuss gegeben für die Nutzung der ganzen Remise: Konzerte, Feste, eine Modeschau, Filmnächte, Theatervorstellungen gehörten zum Programm.

Unterstützung durch Firmen

Angesichts der schwierigen finanziellen Lage konnte die Isolation der Halle nur durch Fronarbeit zwischen Januar und März 1990 realisiert werden. Dank des Einsatzes der Freiwilligen und der Grosszügigkeit einiger Firmen, die Material und Werkzeug zur Verfügung stellten, gelang es, die Halle bis zum festgesetzten Zeitpunkt zu isolieren.

Fristerstreckung beim Schuldenabbau

Trotz vielen unentgeltlichen Arbeitsstunden summierten sich die Schulden des Kulturlöwen bis im Januar 1990 auf rund 90 000 Franken. Firmen, denen der Kulturverein Geld schuldete, zeigten sich grosszügig. Sie bestanden nicht auf einer sofortigen Überweisung der Ausstände und ermöglichten es so, die Schulden Schritt für Schritt abzutragen.

Eine Zuwendung aus dem Lotteriefonds des Kantons St. Gallen von Franken 85'000 half ebenfalls die angespannte Finanzlage etwas zu lockern. Der Kanton begründete diese Zuwendung mit dem Argument, dass die Wiler Remise ein «kulturelles Zentrum von regionaler Bedeutung» sei. Auch von privater Seite wurde einiges an Sponsoring geleistet. Ab 2008 wurde schliesslich aus der Remise der Gare des Lion.

Wil24