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Kultur
30.06.2020
06.09.2020 16:18 Uhr

KULTURSTADT WIL: KULTUR UNTERSTÜTZT DIE INTEGRATION

In Wil finden Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsregionen dank Kulturprojekten leichter ihren Platz in der Gesellschaft.

Die Sozialwissenschaften kennen den Begriff «Akkulturation». Was wie ein Zungenbrecher klingt, ist simpel: Wenn Angehörige unterschiedlicher Kulturen in Kontakt kommen, beeinflussen sie sich kulturell gegenseitig.

Dafür gibt es unzählige historische und aktuelle Beispiele. So würde etwa die deutsche Sprache heute wesentlich anders klingen, wenn es die Römer nie über den Gotthard geschafft hätten, sie steckt voller Wörter lateinischen Ursprungs.

Die Begeisterung für die USA nach dem 2.Welkrieg trug wesentlich zur Ausbreitung des Rock`n Roll und der Blue Jeans in Europa bei. Sie sind heute nicht mehr wegzudenken.

Multikulturelles auf dem Esstisch

Ein weiteres Beispiel: Hamburger, Piazza, Döner, Frühlingsrollen, Sushi, Tapas und andere  Köstlichkeiten sind heute vielerorts erhältlich, Migranten sowie Ferienreisen haben die Schweizer auf den Geschmack nach fremdländischen Speisen gebracht.

Wer zum Essen ausgehen will, findet in Wil eine breite Auswahl an Menüangeboten: Spanisch, Italienisch, Chinesisch, Thailändisch, Tunesisch, Indisch und auch Schweizerisch; die vielzitierte Globalisierung findet auch auf dem Teller statt. Und auf dem Standesamt. Gemäss Statistik stammt bei jeder zweiten Eheschliessung in der Schweiz einer der Partner aus dem Ausland. Die Gesellschaft wird fortwährend multiethnischer und multikultureller.

Annäherung oder Vorurteile?

Auch in der Hochkultur hat das Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Kulturformen inspirierend gewirkt. Ein berühmtes Beispiel sind Bildnisse von Menschen aus der Südsee von Paul Gauguin. Vincent van Gogh seinerseits war von der Kunst Japans beeinflusst, afrikanische Kultfiguren inspirierten Picasso und andere Kubisten.

Wenn Menschen mit unterschiedlichen Mentalitäten aufeinander treffen, entsteht Reibung. Ob interkulturelle Begegnungen bereichernd wirken oder zu einer Bestätigung von Klischees führen, hängt von beiden Seiten ab.

Neugier auf andere Lebensweisen

Die in Bronschhofen wohnhafte Japanerin Atsuko Lampart-Fujii betreute an verschiedenen Nationen-Festivals jeweils einen Stand mit kulinarischen Spezialitäten aus ihrer Heimat: «Es läuft immer nach einem ähnlichen Muster ab: die Besucher kommen an den Stand, fragen bei verschiedenen Speisen nach dem Namen und den Zutaten und probieren sie. Das war`s dann.» Eine tiefergehende Begegnung findet kaum statt, resümiert sie.

Als Konsequenz aus diesen Erfahrungen hat Atsuko Lampart- Fujii einen Kulturverein ins Leben gerufen, in dem Schweizer und Japanerinnen gemeinsam Veranstaltungen organisieren, etwa aufwändige Japan-Feste. Die beiden letzten Durchführungen bewirkten einen grossen Zustrom an Besuchenden.

Sozialkompetenz beim Balletttraining

Dass Menschen mit unterschiedlichen Prägungen harmonisch zusammenwirken können, belegt auch das Beispiel von Svetlana Herzog. Die ehemalige Ballerina aus der Ukraine mit internationaler Bühnenerfahrung gründete in Wil eine Ballettschule.

Im Jahr 2013 startete sie mit fünf Mädchen. Mittlerweile besuchen ihren Unterricht 80 Schülerinnen aus 26 Nationen. Sie ist überzeugt, dass ihr Unterricht auch eine Lebensschule ist, die die interkulturelle Sozialkompetenz fördert.

Preisgekrönter Chor

Auch ein Chor zeigt einen Weg auf, wie sich Menschen aus Afrika, der Karibik, Italien, Kroatien und der Schweiz gegenseitig besser verstehen lernen können. Er wurde von der Nigerianerin Rita Kobler-Emiko ins Leben gerufen.

Seinen Anfang nahm er als Singprojekt für Asylbewerber. Aus der losen musikalischen Gemeinschaft entwickelte sich mittlerweile ein fixer Chor, der sich Inside Africa Schweiz, kurz IAS-Chor, nennt.

Viele Migrantinnen und Migranten hätten im Alltag wenig Gelegenheit, um mit Schweizern in Kontakt zu kommen, sagt die Chorgründerin. Vor jeder Probe in Bronschhofen sitzen die Sängerinnen und Sänger rund eine halbe Stunde plaudernd zusammen. Die Zugewanderten können dabei ihre Deutschkenntnisse praktisch anwenden. Vor zwei Jahren wurde der IAS-Chor mit dem St. Galler Integrationspreis «Goldener Enzian» ausgezeichnet.

Plattformen für die Begegnung

Im gleichen Gründungsjahr wie der IAS-Chor, 2012, startete die aus Argentinien stammende Musikpädagogin Claudia Demkura in Wil mit dem El Coro, der als Coro suizo lationoamericano begann. Er bringt seinerseits Menschen aus verschiedenen Nationen und Kulturen miteinander in Kontakt.

All diese Bespiele zeigen, dass von interkulturellen Begegnungen die Gesellschaft profitiert und entsprechende Fördergelder gut angelegt sind: Vorurteile und Klischees werden reduziert, Toleranz und Verständnis ausgebaut. Das Ergebnis ist ein spannungsärmeres Zusammenleben.

Wil24