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Kultur
11.08.2020
06.09.2020 16:23 Uhr

49 VERHALTENSREGELN FÜR DIE ALTEN WILER

(ph) In der neuen Ausstellung "Stadtluft macht frei – oder doch nicht?" des Stadtmuseums Wil wird die Freiheit versus Unfreiheit der Stadtbewohner thematisiert.

"Alle Bürger, Hintersassen und Stadtangestellten müssen katholisch sein", "Gotteslästern, Schwören und Fluchen sind verboten", "Im Winter um 9 Uhr und im Sommer um 10 Uhr ist Polizeistunde". Dies sind drei Beispiele von Vorschriften aus den Jahren 1646 und 1649, die in der neuen Ausstellung "Stadtluft macht frei – oder doch nicht?" des Stadtmuseums ausgestellt sind.

Museumsleiter Werner Warth zeigt in der Präsentation auf, dass ein in der Stadt wohnhafter Unfreier nach "dri Tag, sechs Wuchen und ain Johr" die Freiheit erlangte. Die Freiheit ging mit Privilegien einher. Die Bewohner des "Alten Wil" besassen das Wahlrecht. Sie bestimmten die Stadtregierung, allerdings auf Empfehlung des Stadtherrn, der Abt von St. Gallen. Umfangreicher und einschneidender waren die Pflichten – unter anderem Ablegen des Bürgereids, Entrichten von Steuern, Besuch des Gottesdienstes – und tief ins Privatleben eingreifende Gesetze und Verhaltensregeln. Die Reglemente aus den Jahren 1646 und 1649 bestanden aus 49 Anordnungen, noch heute geltende wie "Ohne Mitteilung an die Obrigkeit keine Eheankündigung", skurrile wie "Niemand darf zum Trinken gezwungen werden" oder denunzierende wie "Wer dieses Mandat nicht befolgt, wird bestraft". Denn die Stadtbewohner waren verpflichtet, Verstösse der Obrigkeit zu melden.

"Bei gut 1000 Einwohnern war diese soziale Kontrolle noch möglich", sagte Warth an der Vernissage vom Montagabend. Die Bewohner des mittelalterlichen Wils, das aus der heutigen Altstadt bestand, lebten nicht nur in einer gesetzlichen Unfreiheit, sondern auch unter hygienisch prekären Umständen. Nicht nur Haushaltsabfälle landeten in den Gassen, sondern auch menschliche und tierische Fäkalien. "Kein Wunder, konnten sich Seuchen wie die Pest verbreiten", sagte der Museumsleiter.

Die Informationen zu Freiheit versus Unfreiheit im Wil vom 14. bis 18. Jahrhundert unterbreitet Warth im Rahmen der 27. Ausstellung seit 2001 auf Stelen, Vitrinen und Videofilmen im Erdgeschoss des Hof zu Wil. Die Öffnungszeiten des Stadtmuseums sind Samstag und Sonntag, jeweils 14 bis 17 Uhr.

Museumsleiter Werner Warth präsentiert ein Steuerbuch aus dem Jahr 1403.