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Kultur
20.09.2020
20.09.2020 15:19 Uhr

Kulturstadt Wil: Kulturförderung an der Urne

Für die Förderung der Künste waren einst der Adel sowie die Kirchen und die Klöster zuständig. Mittlerweile sind andere bei der Kulturpflege gefragt.
„Wiler Kulturkolumne September 2020“ von Adrian Zeller.

Wie sähe Wil heute wohl aus, wenn nie ein begabter Bäckerssohn aus dem Allgäu Vorsteher der Klosters St. Gallen geworden wäre? Ulrich Rösch lebte von 1426-1491. Der sogenannte «rote Ueli» trieb für das Gotteshaus Schulden ein, tätigte Zukäufe von Grundstücken, von Rebbergen und von Immobilien und baute die Klosterbibliothek aus. Der Klosterbezirk gilt heute als Weltkulturerbe.

Wie ein heutiger Wirtschaftsmanager unterzog Rösch das Kloster und seine Besitztümer einem Sanierungsprozess. Nach Gallus gilt Ulrich Rösch als der zweite Gründer der Klosters St. Gallen, er hat es vor dem Niedergang bewahrt.

Ausbau der Kirchen in der Region

Rösch wurde in eine Zeit des Umbruchs geboren. Vor allem von Italien her verbreitete sich um die Zeit seiner Geburt die Renaissance über Europa aus. Eine neue Sicht auf den Menschen verbreitete sich durch die Humanisten. Die Vorboten der Reformation zeichneten sich ab.

Die Menschen begannen gegen die Macht der Klöster aufzubegehren. Rösch fühlte sich in seinem Kloster nicht mehr sicher, er verbrachte viel Zeit in Wil. Ohne ihn wäre der Hof heute ein weit weniger pompöses Gebäude und kaum ein auffälliges Wahrzeichen der Stadt.

Die durch die Sanierung der Klosterbesitztümer füllten sich seine Kassen. Dies ermöglichte es Rösch, Aufträge an Künstler zu vergeben. Kirchen in der Region wurden auf seine Veranlassung hin ausgebaut und künstlerisch ausgeschmückt, so auch die Wiler St. Niklolauskirche

Riesige Kunstsammlungen

Das Wirken von Ulrich Rösch ist exemplarisch für die Entstehung von Kunst in früheren Jahrhunderten.

In Europa liesse sich eine lange Liste von Kunstwerken erstellen die von Päpsten, Kardinälen, Königen, Fürsten und weiteren Würdenträgern in Auftrag gegeben und finanziert wurden.

Andere  konzentrierten sich aufs Sammeln. So zum Beispiel die britische Königsfamilie: 7000 Gemälde, 40'000 Aquarelle, 150'000 Kunstdrucke und weiteres mehr gehören zu ihrem Besitz. Der Gesamtwert beträgt rund 10 Milliarden Britische Pfund. Etwas kleiner ist die Sammlung der Liechtensteinischen Fürstenfamilie, sie enthält 1700 Meisterwerke aus verschiedenen Epochen.

Kulturförderung in der Demokratie

Kultur ist mittlerweile nicht mehr das Privileg einer kleinen adligen und klerikalen Minderheit. Werke der bildenden Kunst, der Musik aller Stilrichtungen sowie des Balletts, des Theaters und vielem mehr  sind heute jedermann zugänglich.

Oder anders ausgedrückt: Was das Label «Kulturstadt Wil» beinhaltet, bestimmt heute nicht mehr Fürstabt Ulrich Rösch, das bestimmen die Wilerinnen und Wiler selber. Allerdings nur, wenn sie an der Urne jenen ihre Wählerstimme geben, die vielfältige Kulturangebote für die ganze Bevölkerung fördern wollen. 

Adrian Zeller, Kolumnist Wil24