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Wirtschaft
07.11.2020

Aktienbörse: Wahlrakete gezündet

Christopher Chandiramani: «Die Investoren haben wegen des US-Wahlkrimis die Corona-Pandemie vergessen und verspüren wieder mehr Risikoappetit.»
Eine Zitterpartie. Auch wenn noch nicht ganz sicher ist, wer der nächste US-Präsident wird, erholten sich die Aktienmärkte markant. Die Investoren haben sich nach zwei Wochen wieder mit Käufen eingedeckt.

Die US-Wahlen vom 3. November und deren Ausgang bleiben spannend. Bis Redaktionsschluss dieses Berichts sind noch keine definitiven Schlussresultate bekannt.

Joe Biden ist eine Nasenlänge voraus, Donald Trump hält sich besser als erwartet, und er droht mit gerichtlicher Anfechtung. Die USA sind momentan eine gespaltene Nation, die Entscheidung dürfte äusserst knapp ausfallen, Bruchteile von Prozentenzahlen bei der Differenz.

Ungeachtet der ungewissen Zukunft Amerikas haben die Investoren aufgrund des Wahlkrimis die Corona-Pandemie vergessen, und sie haben wieder mehr Risikoappetit. Die Aktienmärkte erholten sich um durchschnittlich fünf Prozent.

In der Schweiz konnte der SMI-Index nach dem Zwischentief der zwei Vorwochen bis Freitagnachmittag die 10'300 Punktemarke wieder überschreiten. Gewinner waren die «Blue-Chips» der Bereiche Food, Pharma, Banken und Versicherungen und am Freitag sind sogar die Luxusgüterhersteller wie Swatch und Richemont wieder erwacht. Bei den Währungen wurde der Schweizerfranken leicht stärker gehandelt.

Unternehmensnachrichten

Der Zürcher Flughafen (börsenkotierte Aktie) hat diese Woche das neue grosse Dienstleistungszentrum «The Circle» eröffnet. Als eigenständiges Quartier bietet es am Rand der Flugpiste in Kloten mehrere tausend Büro-Arbeitsplätze, Läden, Restaurants, Hotels und ein Gesundheitszentrum des Universitätsspitals.

Chefwechsel: Überraschend ist am Mittwoch der VR-Präsident der Liechtensteinischen Landesbank (LLB) von seinem Amt aufgrund eines Strafverfahrens zurückgetreten. In Marktkreisen tippt man auf Insiderverdacht. LLB ist die Muttergesellschaft der Bank Linth.

Der grösste Schweizer Lebensversicherer Swiss Life hält sich gut in diesen schwierigen Zeiten. Alle Sparten haben leicht zugelegt (Prämieneinnahmen, Kommissionsgeschäft, Finanzberatung, Vermögensverwaltung von Drittkunden). Etwas schwächer ist das Pensionskassengeschäft. Das passierte aber nach einem Einmaleffekt. Nach dem letztjährigen Ausstieg der Axa haben viele Kunden zu Swiss Life gewechselt.

Hiag Immobilien verkaufte in St. Margrethen (SG) ein Grundstück an Stadler Rail. Das Areal ist etwa 66'000 Quadratmeter gross und wurde für die Produktionserweiterung erworben. Der Preis der ganzen Transaktion wurde nicht genannt.

Der Luxusgüterkonzern Richemont publizierte seine 6-Monats-Zahlen. Von April bis September brach der Umsatz des Genfer Unternehmens um ein Viertel auf 5.48 Mrd. Euro ein. Richemont litt unter dem Lockdown mit Ladenschliessungen und fehlenden Touristen. Aber das wieder anlaufende Chinageschäft konnte die Ausfälle wieder teilweise kompensieren.

Aussichten: USA in der Zeit nach Donald Trump?

Das US-Wahlsystem ist kompliziert, nicht für Sonderfälle gedacht. Mit einem europäischen Demokratieverständnis auch schwer nachvollziehbar.

Im schlimmsten Fall, wenn Trump Anfechtungsklagen startet, könnte der Wahlausgang noch weiter hinausgezögert werden. Würde Joe Biden gewinnen, hoffen auch die Märkte auf einen sanfteren Umgang mit Russland, China und der arabischen Welt. Das ist es vermutlich hauptsächlich, was die Aktienmärkte wieder freundlicher stimmt.

Die Corona-Krise ist in den Hintergrund gerückt, aber immer noch präsent. Die Fallzahlen sind hoch, die staatlichen Massnahmen zunehmend strenger. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft verschlechtern sich nochmals durch Teil-Lockdowns. Wir alle hoffen auf ein baldiges Ende der Pandemie.

Christopher Chandiramani, Börsenanalyst und freier Mitarbeiter Wil24