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Kanton SG
27.12.2020
28.12.2020 08:55 Uhr

Dr. Gut: Lehren aus dem Corona-Jahr 2020

Dr. Gut zieht Bilanz zum struben Corona-Jahr 2020 und gelangt zu acht teils überraschenden Einsichten.
Was war das für ein verrücktes Jahr! Acht Einsichten, die wir mitnehmen können.
  • Kolumne von Dr. Philipp Gut

1. Corona verschiebt unsere Wahrnehmung

Der Mensch ist das anpassungsfähigste Tier des Planeten. Dennoch erstaunt, wie schnell sich unsere Wahrnehmung in der Coronakrise verschoben hat. Man muss sich nur ein paar Schlagzeilen dieses Jahres vor Augen führen, um zu verstehen, was ich meine: «Walliser Kellner gebüsst, weil er Gast bediente», «Tourist in Kölner Hotel verhaftet», «Frau beim Singen erwischt».

In normalen Zeiten würden wir solche Meldungen als Nachrichten aus Absurdistan abtun. Heute nehmen wir sie einfach so hin, ohne mit der Wimper zu zucken.

2. Das Links-rechts-Schema steht Kopf

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, eine Sozialdemokratin, lässt die Grenzen schliessen. Sie empfiehlt, den öffentlichen Verkehr zu meiden und stattdessen das Privatauto zu benutzen. Gleichzeitig verhängen SVP-Gesundheitsdirektoren in den Kanton noch härtere Massnahmen gegen die Wirtschaft, als sie SP-Bundesrat Alain Berset vorgibt.

Verkehrte Welt?

Ja, so manches steht Kopf, auch das Links-rechts-Schema der Politik. Wie reimte doch der Dichter Ernst Jandl: «manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein llltum».

3. Der Nationalismus kehrt zurück

Die Geschichte der europäischen Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg ist der Versuch, den Nationalismus auf dem Kontinent zu überwinden. Wie viel das wert ist, zeigt sich in Zeiten der Krise, wie wir heute eine erleben.

Die Schliessungen der Grenzen sind nur ein Beispiel. Überall setzen die Regierungen auf nationalstaatliche Lösungen. Das zeigt sich auch beim Wettrennen um die Impfdosen: Ein Wort wie «Impf-Nationalismus» hätten wir vor einem Jahr noch nicht verstanden.

Überschaubare politische Einheiten begünstigen die Handlungsfähigkeit in der Krise.

4. Dem Totalitarismus so nah …

Verbote und Vorschriften, wohin man schaut. Der Staat hat seine Macht in Rekordzeit in zuvor unvorstellbarem Ausmass ausgebaut. Er stellt einfach mal das Wirtschaftsleben ab und regiert ins intimste Privatleben hinein, bis hin zu Auflagen zur Weihnachtsfeier. Die Masken vor den Gesichtern machen die Menschen uniform.

Das alles hat etwas Beängstigendes. Und hinzu kommt die frostige Erfahrung, wie leicht sich unsere Gesellschaft umbiegen lässt.

5. Doch die Demokratie lebt!

Trotz Krisenkoller und dunklen Zeichen an der Wand – man sollte nicht schwarzmalen. Denn Corona zeigt auch, dass unsere direkte Demokratie lebt.

Man mag die Meinungsunterschiede und Konflikte zwischen Bund und Kantonen aus einer technokratischen Sicht bedauern, aber sie zeugen eben auch davon, dass der Föderalismus als eine der Staatssäulen der Eidgenossenschaft nach wie vor trägt.

Wir sollten den Wettstreit um die besten Argumente und die vernünftigsten Lösungen nicht beklagen. Er bringt uns voran.

6. Der menschliche Erfindungsgeist wird mit allem fertig

Zu den Good News dieses Jahres gehört ausserdem der unendliche Erfindungsreichtum des Homo Sapiens – und dass es ihm möglich ist, mit praktisch allen Situationen zurechtzukommen. Im Katastrophenmodus entstehen neue Ideen und Produkte. Die Impfung wird nur ein Anfang sein.

Wie es scheint, können wir erstmals in der Menschheitsgeschichte eine Pandemie in den Griff kriegen.

7. Die Kultur ist ein Seelenwärmer und Geisterfrischer

Wenig hört und liest man über die Lücken, die der Totalausfall des Kulturlebens verursachen. Doch diese reichen tief: Kultur ist kein Luxus, sondern ein Lebenselexir.

«Der Geist ist ein Wühler», hat der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt einmal notiert und die Kultur als das «Prinzip der Bewegung» beschrieben. Ohne diesen Sauerteig, ohne diesen ständigen produktiven Unruheherd ist alles streif und starr.

8. Die kleinen Dinge leuchten

Das letzte Wort dieser Kolumne im Jahr 2020 soll unbedingt ein positives sein!

Am schönsten hat es eine Kollegin formuliert: «Die kleinen Dinge leuchten», meinte sie.

Ja, auch dies ist eine Erkenntnis dieses struben Jahres: Bei allem Leid, allen Opfern und Einschränkungen entdecken wir die Freude an Sachen, über die wir sonst eilig hinwegschreiten. Man könnte es die «Poesie des Alltags» nennen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, alles Gute im neuen Jahr!

Dr. Philipp Gut schreibt auf dem Online-Verbund von Portal24 jede Woche eine Kolumne, die auf den 10 dem Verbund angeschlossenen Portalen jeden Sonntagmorgen publiziert wird. Philipp Gut ist Historiker, Bestsellerautor («Jahrhundertzeuge Ben Ferencz») und einer der profiliertesten Journalisten der Schweiz. Mit seiner Kommunikationsagentur Gut Communications GmbH berät er Unternehmen, Organisationen und Persönlichkeiten.

www.gut-communications.ch

Dr. Philipp Gut, Kolumnist Wil24