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Kultur
04.01.2021
04.01.2021 08:58 Uhr

Wil ist kulturell nach vorne gerückt

In den alljährlichen Städterankings hat Wil im vergangenen Jahr im Bereich Kultur erhöhte Bewertungen erzielt, jetzt heisst es: nicht nachlassen.
„Wiler Kulturkolumne Januar 2021“ von Adrian Zeller.

Fingerdicke Kunststoffrohre, wie man sie auf Baustellen findet, sind zu einem wirren Knäuel verknotet, auf dem kleinen Schild an der Wand steht als Titel der Kunstinstallation: «Das Nichts begegnet der Unendlichkeit».  

Zwei Schauspieler in abgetragenen Anzügen stehen auf einer spärlich beleuchteten Theaterbühne. Mit fahl geschminkten Gesichtszügen klagen sie, wie viel Elend es auf dieser Welt doch gebe.

Zugegeben, beide Beispiele sind etwas zugespitzt; zudem sind sie frei erfunden. Sie stehen für jene Formen der Kultur, von denen sich manche fragen, was daran wohl förderungswürdig sei. 

Umstrittenes Image der Kultur

Weil Kultur heute in so vielfältigen Erscheinungsformen auftritt, ist sie schwer zu fassen; zeitgenössisch, traditionell, multikulturell, experimentell, spartenübergreifend, avantgardistisch und weitere Spielarten mehr; die Frage ist berechtigt, ob da immer genügend Ernsthaftigkeit dahintersteckt, oder ob sich jemand seine skurrilen Spleens mit Steuergeldern finanzieren lassen will. 

Es verwundert nicht, dass sich manche Politikerinnen und Politiker fragen, ob man die Förderbeiträge der öffentlichen Hand für die Kultur nicht reduzieren sollte, wenn gleichzeitig ein Schulhaus dringend renoviert und das Trottoir einer Quartierstrasse sanierungsbedürftig ist

Die Richtung stimmt

Allerdings sind die Qualität des Gehsteignetzes sowie gut unterhaltene Bildungseinrichtungen lediglich ein Faktor der Standortattraktivität. Das Freizeit- und Kulturangebot zählt zu den elf Kriterien des Städterankings, das alljährlich ermittelt wird. In diesem Bereich ist Wil im vergangenen Jahr auf der Rangliste nach vorne gerückt.

Dieser Fortschritt in der Bewertung zeigt, dass die Stadt diesbezüglich in die richtige Richtung unterwegs ist. Doch dies sind auch andere Städte.

In Wils Geschichte hatten verschiedene Branchen ihre einträgliche Blützezeit, beispielsweise das Marktwesen, die Goldschmiedekunst, der Altarbau, die Stickereiindustrie sowie der Traktorenbau. Mit Wil West soll nun ein neuer wirtschaftlicher Hotspot entstehen, der anspruchsvolle Arbeitsplätze für Fachpersonal bieten soll. Wenn Ingenieure, Softwareentwicklerinnen, Betriebswirtschafter und weitere Fachleute als gute Steuerzahler in Wil Wohnsitz nehmen sollen, gehört das Kulturangebot sicher mit zu den Entscheidungskriterien.      

Kulturinvestitionen machen sich bezahlt

Das unzutreffende Argument, dass städtische Kulturförderung ein Fass ohne Boden sei, wird nicht wahrer, wenn man es ständig wiederholt. Durch Catering und Barbetrieb, Firmenevents, Fremdvermietungen, Partys, Coproduktionen und Merchandising lassen sich namhafte Beiträge an die Unterhalts-und Betriebskosten von Kultureinrichtungen generieren.

Längst sind Kulturschaffende nicht nur Personen, die staatliche Förderstellen um Geld für sogenannt brotlose Kunst anbetteln, dank ihrer qualifizierten Ausbildung drehen sie auch Imageclips für Gewerbe und Industrie, rücken Unternehmen vorteilhaft fotografisch ins Bild, entwickeln neue Internetauftritte für Unternehmen und nehmen in Tonstudios die entsprechende Begleitmusik auf. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele.

Plattform für Kreative

Entsprechende Fachpersonen siedeln sich gerne dort an, wo die Inspiration, der Ideenaustausch und das Networking unter Gleichgesinnten besonders hoch sind – zum Beispiel in einer kulturell besonders lebendigen Stadt, die einen guten Nährboden für kreative Menschen bietet. Schöne Trottoirs finden sie auch anderswo.   

Adrian Zeller