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Kultur
10.04.2021
10.04.2021 15:30 Uhr

"Frauen sprengen Fesseln" im Baronenhaus

Auch thematisiert: "Wiler Badisturm" von 1967. Bild: Stadtarchiv Wil
Von heute Samstag, 10. April, bis Sonntag, 25. April 2021, wird im Baronenhaus Wil eine Ausstellung zu "50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz – und in Wil" gezeigt. Konzipiert und realisiert wurde sie vom Stadtarchiv und Stadtmuseum Wil.

Der Ausstellungstitel lautet "Frauen sprengen Fesseln", das ist auch der Titel des Buches zur Geschichte des Frauenstimmrechts in der Schweiz, verfasst von Lotti Ruckstuhl-Thalmessinger (1901-1988), die in Wil seit 1937 gelebt hat.

In der Ausstellung sind sie und andere Wiler Frauen zu sehen,  zum Beispiel auch Hanni Pestalozzi, die hunderte von Bäuerinnen auf dem Hofberg ausgebildet hat, aber auch Frauen von heute wie Karin Keller Sutter, Barbara Gysi oder Yvonne Gilli sind vertreten. Und auch der berühmte "Badisturm" von 1967 wird thematisiert.

Der Wiler Badisturm 1967

Nach wie vor war der alte "Fahrplan" wenigstens teilweise noch in Kraft. Abwechslungsweise war das Bad von 10:00 bis 16:30 Uhr für das Getrenntbaden reserviert, d.h. dass z.B. am gewitterschwülen, unterträglich heissen Nachmittag des 23. Juli 1967 Dutzende von Frauen mit ihren männlichen und weiblichen Sprösslingen vor dem Eingang zur Badi warten mussten, bis der Securitas-Wärter Bruderer aus dem appenzellischen Spycher den Eintritt erlauben würde. In weiser Voraussicht der immer stürmischeren Forderungen der Quartiereinwohner hatte der Verwaltungsrat einen halbwegs offiziellen Uniformierten engagieren müssen, um Ruhe und Ordnung zu wahren. Ungeduld und Zorn kochten in den sonst so braven und biederen Wilerinnen, wenn sie durch den Zaun etwa ein halbes Dutzend braungebrannter männlicher Badegäste sich im kühlen Schatten räkeln oder im kühlen Nass plantschen sahen. Plötzlich gellte der herausfordernde Schrei zum Angriff: eine der Frauen überstieg gekonnt und mutig den Zaun, die anderen folgten. Kinder und Babies wurden über den Zaun gereicht, und zum Gaudi der wenigen Männer zogen sich die Frauen blitzschnell um. ("Blick" sprach von Frottiertüchtern hinter denen sich diese Metamorphose vollzog) - die Besetzung war eine vollendete Tatsache, vor der Securitas-Wärter und Badmeister achselzuckend die Waffen streckten und das Weite suchten. Am andern Tag vollzog sich die Besetzung mit umgekehrten Vorzeichen: diesmal waren es die Männer,die den "tollkühnen" Schritt wagten, wozu zu sagen wäre, dass - als Zeichen einer neuen Zeit - die Frauen mit ihrem Mut die Initialzündung mit allen Risiken gegeben hatten. Schliesslich hätte ja der brave Securitas-Wärter von seinem Schlagstock Gebrauch machen können und der Badmeister war ja auch nicht gerade aus Pappe. Beide versicherten allerdings treuherzig, sie würden nie Hand an eine Frau legen, was sie als wahre Gentlemen auszeichnete. Was die Männer im nachhinein und nach Kenntnis aller einzugehenden Gefahren riskierten, ist doch wohl nur noch ein harmloses Nachspiel gewesen im Vergleich zum kühnen Einsatz der Frauen. Damit fiel das Thema "Getrenntbad" endgültig aus Abschied und Traktanden... (Schawalder, Arnold; Die Geschichte der Oberen Badi Wil, Wil 1981)

Begleitfilm

Im Begleitfilm zur Ausstellung wird nicht nur die Geschichte des Frauenstimmrechts in Europa und der Schweiz gezeigt, sondern auch einiges Material aus Wil bzw. mit Wiler Hintergrund. So ist Lotti Ruckstuhl gleich in vier Filmclips zu sehen und zu hören.

Teil einer Ausstellungsserie

Die Ausstellung ist eine der Ausstellungen und  Veranstaltungen von vielen im Kanton St. Gallen zu "50 Jahre-Frauenstimmrecht in der Schweiz", die durch das Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz, St. Gallen angeregt wurden:

www.klug-und-kuehn.ch

Öffnungszeiten im Baronenhaus:

Montag bis Freitag täglich von 9 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr.

Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr.

Der Eintritt ist frei. Es sind angesichts des eher kleinen Ausstellungsraumes maximal 5 Personen gleichzeitig zugelassen.

wil24.ch / Werner Warth, Stadtarchivar / Museumsleiter