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Wirtschaft
13.04.2021

Die Geschichte wiederholt sich nie, oder doch?

Dr. Thomas Stucki, CIO der St.Galler Kantonalbank. Bild: zvg
Der Swiss Performance Index mit den konservativen Schwergewichten Nestlé, Roche und Novartis liegt 5% über dem Stand vor dem Ausbruch der Pandemie in Europa.

Der Einbruch des SPI nach dem Konkurs von Lehman Brothers im Herbst 2008 war mit 40% stärker als der Corona-Rückschlag im März 2020 und dauerte länger. In beiden Fällen dauerte es knapp ein Jahr, um die alten Niveaus wieder zu erreichen.

Die Ähnlichkeit beschränkt sich aber nicht nur auf die Aktienmärkte, sondern schliesst auch die wirtschaftliche Entwicklung mit ein. Sowohl nach dem Beinahezusammenbruch des internationalen Finanzsystems 2008 als auch nach dem Lockdown der Weltwirtschaft im Frühling 2020 war der Einbruch der Wirtschaft dramatisch.

Zuerst der Konjunktureinbruch dann die Erholung

Die Reaktion der Zentralbanken und der Staaten weist ebenfalls Parallelen auf. Die Zentralbanken sicherten mit ultratiefen Zinsen und mit QE-Programmen das Funktionieren der Finanzmärkte, während die Finanzminister die gefährlichsten Feuer löschten. In den USA und in verschiedenen europäischen Ländern wurden in der Finanzkrise die notleidenden Banken über Wasser gehalten. Aktuell wird mit den staatlichen Hilfsprogrammen die Kaufkraft der Konsumenten und das Überleben der wirtschaftlichen Struktur gesichert. Dabei ist der Geldeinsatz der Staaten bedingt durch die grössere Breite der Krise heute deutlich höher als 2008.

Ähnlich wie in der Finanzkrise war der konjunkturelle Einbruch im letzten Jahr so stark, dass es im Gegensatz zu den normalen und zyklisch bedingten Rezessionen zu grossen strukturellen Veränderungen in der Wirtschaft kommen wird. Da diese nicht von heute auf morgen geschehen und durch die Hilfsgelder zeitlich verzögert werden, wird die wirtschaftliche Erholung langsam ablaufen, dafür lange dauern. Nach der Finanzkrise erlebten die Industrieländer eine der längsten Wachstumsperioden. In diesen zehn Jahren stieg der Swiss Performance Index um 120%. Ob er sich in den nächsten zehn Jahren wieder verdoppelt, wissen wir nicht. Die Rahmenbedingungen für einen erneuten längeren Aufschwung der Aktienkurse stehen aber gut.

Gute Rahmenbedingungen für Aktien

Eine sich erholende Wirtschaft mit steigenden Unternehmensgewinnen, kombiniert mit einer noch für längere Zeit expansiven Geldpolitik und einem mässigen Inflationsdruck, sprechen für die Aktien. Die Zeit nach der Finanzkrise hat aber auch gezeigt, dass die Börse keine Einbahnstrasse ist. 2010, 2011, 2016 und 2018 kam es jeweils zu Kurseinbrüchen auf Stufe Gesamtmarkt von bis zu 20%. In einzelnen Sektoren oder Titel fielen die Kurse gar um bis zu 50%. Die Auslöser waren die Angst vor den hohen Staatsschulden, der Verlust des AAA- Ratings der USA, ein Einbruch des Ölpreises und zuletzt der Abbau der Bilanz durch die Fed. Kurskorrekturen in diesem Ausmass wird es auch in den nächsten Jahren verschiedentlich geben. Wann sie eintreten und was der Auslöser sein wird, ist schwer vorherzusagen. Auslöser solcher Korrekturen sind selten politischer Natur, sondern haben meistens einen wirtschaftlichen Hintergrund. Ein kritischer Punkt wird sicher der Moment sein, wenn die Fed andeutet, dass sie über Zinserhöhungen nachdenkt.

Für die Portfoliogestaltung bedeutet das, dass die Aktien in den nächsten Jahren einen wesentlichen Teil des Portfolios umfassen sollten. Dabei ist eine gute Diversifikation der verschiedenen Sektoren und der verschiedenen Einzeltitel wichtig. Es bedeutet aber auch, dass der Aktienanteil nur so gross sein darf, dass man eine Korrektur von 20% sowohl finanziell als auch gefühlsmässig problemlos aushalten kann.

Dr. Thomas Stucki ist CIO der St.Galler Kantonalbank. Er hat einen Abschluss mit Doktorat in Volkswirtschaft von der Universität Bern und ist CFA Charterholder. Er führt bei der St.Galler Kantonalbank das Investment Center mit rund 35 Mitarbeiter. Er ist verantwortlich für die Verwaltung von Kundenmandaten und Anlagefonds im Umfang von 7,5 Milliarden Franken. Zuvor war er als Leiter Asset Management der Schweizerischen Nationalbank verantwortlich für die Verwaltung der Devisenreserven.

mg/pd