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Kultur
31.05.2021
30.05.2021 21:27 Uhr

Haus «India» (Wiler Orte 2)

Bild: aze.
Im Rahmen der Wil24-Sommerserie 2021 stellen wir besondere Orte in Wil vor; heute ein zweiter Beitrag mit Hintergründen zum Haus «India» an der Zürcherstrasse.

Es begann wie ein Märchen und endete in einer Tragödie: August Mahler aus dem Hinterthurgau, geboren 1856, war gelernter Mechaniker und kannte sich mit der damals aufkommenden Gasbeleuchtung besonders gut aus. Er reiste nach Indien und erleuchtete die prachtvollen Paläste der Maharadjas, was ihm viel Geld einbrachte. 1887 heiratete er in Bombay die Geigerin Brigitte Schmidl aus dem Sudetenland. Das Paar bekam sechs Kinder.

Um die Jahrhundertwende liess sich die Familie an der Zürcherstrasse in Wil nieder. Mahler konnte von seinem in Indien erworbenen Vermögen leben. 1906 liess er an seinem Haus einen mondän wirkenden Anbau errichten. In seinem Erscheinungsbild war die Immobilie von den britischen Herrschaftshäusern in Indien inspiriert.

Mahler wurde zum Investor. Zweifelhafte Berater empfahlen ihm, sein Vermögen im zaristischen Russland und in Kanada zu vermehren. Die Anlagen erwiesen sich als dubios; und der Erste Weltkrieg führte weltweit zu einem wirtschaftlichen Niedergang.

Giftmord

Hubert, der älteste Mahler-Sohn, suchte nach dem Verbleib der Investition. Er reiste in den Kriegsjahren unter anderem nach Odessa. Seine Nachforschungen passten den zweifelhaften Empfängern des Geldes nicht. 1918 starb Hubert Mahler durch Gift.

Sein Bruder August studierte in Bern Jurisprudenz. Nach einer feucht-fröhlichen Zechtour kam er mit Mitstudenten auf die unheilvolle Idee, als Mutprobe in den Bärengraben zu steigen. Dort wurde der betrunkene Student aus Wil von einem Bären so schwer verletzt, dass er wenige Tage später im Spital starb.  

Ein dritter Sohn studierte in Neuenburg. Mittlerweile wurde klar, dass das Familienvermögen verloren war. Die Villa India musste verkauft werden. 1919 zog die Familie in eine Mietwohnung am Friedtalweg. Dem einst reichsten Wiler August Mahler soll die Schmach des finanziellen Ruins so sehr zugesetzt haben, dass er wenig später starb.   

Der jüngste Sohn Paul musste sein Studium in Neuenburg aufgeben. Er begann in Wil eine Banklehre.  Sein bescheidenes Einkommen reichte für den Lebensunterhalt für sich und seine Mutter nicht. Als Pianist begleitete er in einem Wiler Kino die Vorführungen der Stummfilme und kam dadurch zu einem Zusatzverdienst.

Verblichener Glanz

Ein weiterer Bruder wanderte nach Belgien aus. Nach einem Zwist enterbete er alle Verwandten. Eine Schwester starb im Alter von 38 Jahren an Krebs. Eine weitere Tochter schloss sich in Paris einem Zirkus an, über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.  

Um 1960 wurde die Zürcherstrasse verbreitert und ein Trottoir eingerichtet. Dadurch büsste die Liegenschaft ihr repräsentatives Vorgelände weitgehend ein.

Heute erinnert nur noch das kuppelartige Dach sowie die Inschrift <India> an die glanzvolle Vergangenheit dieser Liegenschaft sowie an eine Familie, der der sagenhafte Reichtum wenig Glück brachte.       

Adrian Zeller, Journalist