Home Region Sport Magazin In-/Ausland Agenda
Kultur
08.06.2021
10.06.2021 14:58 Uhr

"Zum letschte Wieland" (Wiler Orte 4)

"Der letschte Wieland" in der Wiler Altstadt. Bild: zVg.
Im Rahmen der Wil24-Sommerserie 2021 stellen wir besondere Orte in Wil vor; heute ein vierter Beitrag mit Hintergründen zur ehemaligen Goldschmiedewerkstatt «Zum letschte Wieland» an der Marktgasse.

Die Äbtestadt war einst weitherum für ihre tüchtigen Goldschmiede bekannt. Mehrere Dutzend dieser Kunsthandwerker fertigten im Laufe der Jahrhunderte kirchliche Kultgegenstände an oder arbeiteten sie dem Zeitgeschmack entsprechend um. Einige ihrer Werke sind heute in Museen sowie in Kirchen und in Klöstern zu finden.

Raub von Kirchengut

Bereits 1288 wurde erstmals ein entsprechender Kunsthandwerker in Wil urkundlich erwähnt. Von 1541 bis 1838 waren 26 Goldschmiede in der Stadt tätig. Sailer, Gennius, Renner, Riggenschwiler, Preker sind einige Familennamen der Wiler Goldschmiedemeister, von denen zum Teil mehrere Generationen aktiv waren. Das Haus «zum letschte Wieland» an der Wiler Marktgasse erinnert an diese Ära. Die Familie Wieland war eine besonders erfolgreiche Dynastie von Kunsthandwerkern.

Eine Hochblüte erlebten die Wiler Goldschmiede ab der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts. Zuvor waren während der Reformation viele kirchliche Statuen geraubt, beschädigt oder verkauft worden. Zudem eigneten sich weltliche Behörden kirchliche Kultgegenstände an, weil sie damit einen materiellen Ausgleich zu den Privilegien von Kirchen und Klöstern erwirken wollten. Diesem so genannten «Bildersturm» war eine umstrittene Entwicklung in der katholischen Kirche vorangegangen: Gläubigen hatten durch Schenkungen von kirchlichen Kultgegenständen eine Befreiung von den Strafen für ihre Sünden «erkauft».

Grosse Nachfrage

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wirken viele Kirchen nach dieser reformatorischen Leeräumung kahl und entmystifiziert. Die Kirchenführer beschlossen 1545 am Konzil von Trient die Erneuerung des katholischen Glaubens durch eine Gegenreformation.

In der Folge bestand eine grosse Nachfrage nach Statuen von Heiligen, von Reliquienschreinen aus Edelmetall und von weiteren Kultgegenständen, die dem katholischen Glauben neue Überzeugungskraft vermitteln sollten. Dies bescherte den Wiler Goldschmieden zahlreiche Aufträge, etwa für Monstranzen, Büsten von Heiligen, Kronen für Umtragefiguren, Vortragekreuze, Rauchfässer, Chorampeln, Äbtissinnenstäbe und weiterem mehr.

Adrian Zeller, Journalist