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Rickenbach TG
17.08.2021
17.08.2021 14:52 Uhr

Hohe Lebensqualität dank Verbindung und Erneuerung

Der neue Mühleweg kommt bei der Bevölkerung gut an und wird bereits rege benutzt. Bild: yg
Am Dienstag, 17. August 2021, wurde der Mühleweg in Rickenbach offiziell eingeweiht und zudem wurde über die Umnutzung der Mühle informiert. Gemeinderat Hans Suter, Tobias Stricker vom bhateam ingenieure ag und Thomas Engel, Gesamtprojektleiter Mühle Rickenbach, erläuterten die Bedeutung des gelungenen Werks aus ihrer jeweiligen Sicht.
Einweihung und Medienkonferenz im coronalen Abstand. Bild: yg
Von links: Ivan Knobel (Gemeindepräsident Rickenbach), Thomas Engel (Gesamtprojektleiter Mühle Rickenbach), Tobias Stricker (bhateam ingenieure ag) und Hans Suter (Gemeinderat Rickenbach). Bild: yg

Verbindend – die Bedeutung des Mühlewegs für die Gemeinde

Hans Suter, Gemeinderat

Wenn Doktor Faustus heute hier stünde und den Mühleweg betrachtete, würde er wohl wieder die weltberühmten Worte denken: «Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!» Nur wäre der Grund diesmal kein Dilemma wie in Goethes Drama «Vor dem Tor». Sondern die Erkenntnis, dass einem solchen Bauwerk zwei bedeutende Dimensionen innewohnen: jenes des Bautechnischen und jene des Nutzens.

Der Mühlesteg und der Mühleweg, der sich als Serpentine von der Überbauung Mühle zur Kirche St. Verena hochschlängelt, ist nicht nur optisch ein überzeugendes Bauwerk, es ist es auch vom Nutzen her. Der Mühleweg verbindet das Weingarten-Quartier mit dem alten Dorfkern, wo sich die Kirche und die Schule befinden. Von hier sind es nur wenige Schritte zu den Einkaufsmöglichkeiten und der Post im Gebiet Breite. Zugleich liegt der Mühleweg abseits des Hauptverkehrsstroms, eingebettet in eine schöne Naturlandschaft.

Trotz seiner Eigenständigkeit ist das Verbindende das eigentliche Kernstück des Mühlewegs.

Dank der Treppe ist eine Abkürzung möglich. Bild: yg
Tobias Stricker. Bild: yg

Der Mühleweg in Zahlen – der Techniker hat das Wort

Tobias Stricker, Dipl. Techniker HF, bhateam ingenieure ag, Sirnach

Das Projekt besteht aus zwei Teilprojekten: Dem Fussweg und dem Steg über den Alpbach. Die bei-den Teilprojekte sind Teil der 3. Generation des Agglomerationsprogramms des Bundes. Als das Projekt vor Baubeginn ihrer Rechtskraft erwachsen und die Finanzierung seitens der Politischen Gemeinde gesichert war, konnten die Bundesbeiträge definitiv und mit Erfolg beantragt werden.

Wie Sie sich bestimmt erinnern können, war das Kirchbord vor Baubeginn ein stark bestockter Abhang, welcher nur durch einen kleinen Trampelpfad begangen werden konnte. Damit mit den Bauarbeiten begonnen werden konnte, musste die nötige Fläche zuerst gerodet werden. Dazu musste eine Rodungsbewilligung eingeholt werden. Weiter waren für den Bau der Brücke eine Konzession und wasserbauliche Bewilligung für den Steg erforderlich. Anschliessend konnte mit dem Bau des südlichen Brückenwiderlagers begonnen werden.

Das südliche Brückenwiderlager ist auf Mikropfählen gelagert, welche über 6 m in den Untergrund reichen. Auf der Nordseite ist das Brückenwiderlager in den Bau der Mühle integriert. Bereits einen Monat nach Baustart konnte die 11,60 m lange und 2,40 m breite Brückenplatte 5 m über dem Alpbach betoniert werden.

Um den Höhenunterschied zwischen Kirchgasse und Mühle von knapp 10 m mit wenig Gefälle und damit komfortabel überwinden zu können, wurde der neue Weg serpentinenförmig angelegt. Dazu mussten zwei Natursteinmauern erstellt und 1'200 m3 Erdmaterial geschüttet werden, was rund 120 Lastwagenfahrten entspricht. Gleichzeitig zu den Erdarbeiten wurde ein alter, schon Jahrzehnte ausser Betrieb genommener Heizöltank der ehemaligen Eberle Mühlen ausgegraben und entsorgt. Erfreulicherweise erwies sich die vermutete Verschmutzung des umliegenden Erdreichs als falsch.

Bei der Wegführung wurde darauf geachtet, dass in den Kurven das Gefälle reduziert werden kann, damit die flacheren Abschnitte zum Ausruhen genutzt werden können. Damit der Weg sicher begangen werden kann, wurde auf dem gesamten Abschnitt eine Wegbeleuchtung mit LED-Leuchten erstellt. Der Weg bietet mit der Treppe auch eine Abkürzungsmöglichkeit, sodass die Strecke um fast die Hälfte verkürzt werden kann.

Bei Erdaufschüttungen sind auch immer Setzungen eine Begleiterscheinung. Über die Winterpause wurden deshalb mehrmals Messungen durchgeführt, um das Setzungsverhalten überwachen zu können. Glücklicherweise konnte nach der Winterpause die Arbeiten wieder aufgenommen werden, da die Setzungen sehr klein waren.

Im Frühling konnte dann noch der Einbau des Asphaltbelags sowie die Gärtner- und Zaunbauarbeiten in Angriff genommen werden. Das neu gestaltete Kirchbord soll mit seinen mager angelegten Böschungen und der unterhaltsarmen Bepflanzung mit einheimischen Arten vielen Vögeln und Kleintieren ein neues Zuhause bieten. Die Bepflanzung soll mit ihrer dichten Durchwurzelung die Böschungen vor Erosion schützen.

Im Namen der bhateam ingenieure ag danken wir allen beteiligten Unternehmungen für die konstruktive und angenehme Zusammenarbeit. Auch der Gemeinde Rickenbach danken wir für den nicht alltäglichen Auftrag. Wir wünschen allen viel Freude am und auf dem neuen Weg.

Neues Leben in der Mühle Rickenbach. Bild: yg

Wohnen statt mahlen – neues Leben in der ehemaligen Eberle Mühle

Thomas Engel, Gesamtprojektleiter Mühle Rickenbach

Entwicklung, Erstellung und zum Laufen bringen der Umnutzung der Mühle Rickenbach ist eine schöne Aufgabe mit einer ansprechenden Komplexität. Entsprechend dankbar und glücklich bin ich, dass das Projekt unfallfrei und mit einem guten Vermietungsstand abgeschlossen werden kann.

Zwei kurze Geschichten aus dem Projekt Mühle Rickenbach

1. Erfolgreich Immobilien entwickeln heisst gut zuhören können:

  • Ganz am Anfang stand Frage, ob die Mühle im Bestand oder mit einem Ersatzneubau umgenutzt werden soll. Dazu gab es verschiedene Abklärungen, aber ganz am Anfang steht folgende Begebenheit, wie ich die Sache angegangen bin, um mehr Klarheit in der Frage Umnutzung im Bestand vs. Ersatzneubau zu erlangen.
  • Ganz am Anfang stand Frage, ob die Mühle im Bestand oder mit einem Ersatzneubau umgenutzt werden soll. Dazu gab es verschiedene Abklärungen, aber ganz am Anfang steht folgende Begebenheit, wie ich die Sache angegangen bin, um mehr Klarheit in der Frage Umnutzung im Bestand vs. Ersatzneubau zu erlangen.
  • 3 leitende Ingenieure von namhaften Ingenieur-Büros eingeladen.
  • Jedem 200er-Note und Bestandespläne auf den Tisch gelegt mit der Bitte, für 1 Stunde laut zu denken betreffend Thematik Umnutzung im Bestand im Vergleich zu Umnutzung mit Ersatzneubau.
  • Ich habe von den Ausführungen der drei gestandenen Ingenieure nicht alles verstanden.
  • Eine Sache ist mir aber sehr klar geworden: Wenn 3 gestandene Berufsmänner mit Erfahrung dermassen weit auseinander liegen, nämlich von "es ist überhaupt kein Problem, Löcher für Fenster in den Silo zu schneiden" bis "Umnutzung im Bestand funktioniert überhaupt nicht", dann weiss ich ganz sicher, dass ich die Baukosten, -qualität und -termine nur im Griff haben kann, wenn ich eine bewährte Lösung, sprich Ersatzneubau anstrebe.
  • Weitere Abklärungen und Studien haben dies dann bestätigt.
  • Kurz: Wenn’s kompliziert wird, mach’s einfach.

2. Wenn es aussen kalt und innen warm ist - Balkonverzug:

  • Wie sichergestellt worden ist, dass der Turm tatsächlich senkrecht wird, kann dies gerne in meinem Blog-Artikel vom 26. Mai 2020 auf www.muehlerickenbach.ch nachlesen.
  • Was die meisten nicht wissen: Mindestens so anspruchsvoll war die Findung der konstruktiven Lösung der Loggia-Verglasungen.
  • Aufgrund der Tatsache, dass Eckelemente aussen sich anders ausdehnen als die tragende Struktur innenseitig am Balkon (und damit im Warmbereich der Wohnung), bewegen sich die Balkonplatten übers Jahr einige Millimeter, für den Nutzer natürlich nicht spürbar.Differenz Ausdehnung kalte Stützen warme Stützen übers ganze Gebäude im Bereich von 2cm.
  • Entsprechend musste konstruktiv eine Lösung gefunden werden, dass die Balkonverglasung sich in einer Nut "mitbewegen" kann.
  • Eine ansprechende Lösung konnte gefunden werden, die Aufgabe hat aber einige Fachplaner-Köpfe zum Rauchen gebracht ;-)


Fazit

  • Ein interessantes Projekt geht für mich zu Ende, meines Erachtens ein gelungenes Beispiel einer Umnutzung eines ehemaligen Industrieareals.

  • Ich schliesse die Immobilienentwicklung Ende August 2021 ab. Ab September ist die Verwaltung zuständig für den Betrieb und die weitere Betreuung der Mieter.
  • Ich danke dem Gemeinderat von Rickenbach, welcher die attraktive Fussweganbindung und die erfolgreiche Umnutzung der Mühle Rickenbach duch die konstruktive Zusammenarbeit möglich gemacht hat: herzlichen Dank! 
Wohnen und arbeiten am Altbach. Bild: yg
Eine Oase im urbanen Umfeld. Bild: yg
wil24.ch / Hans Suter / Tobias Stricker / Thomas Engel