ESTHER ANDERMATT – 30 JAHRE KUNSTTURNEN IN DER REGION WIL


Lebensschule, Herausforderung und Quell der Freude

Es sind nun 40 Jahre im Turnbereich und über 30 Jahre speziell im Kunstturnen, seit sich Esther Andermatt in der Region Wil stark macht. Dabei hat sie sehr viel erreicht, aber auch immer wieder feststellen müssen, dass es gerade als Frau in der Männerwelt der Kunstturner nicht immer leicht ist, Gehör zu finden. Nun ist sie ins zweite Glied zurückgetreten und freut sich auch, dass junge Kräfte übernehmen.


(Hermann Rüegg)

An einem ruhigen Flecken inmitten der Dolomiten: Esther und Erhard Andermatt geniessen das Dolce-far-niente ebenso wie anspruchsvolle Bergtouren. Ein Kaffee, ein Stück Panettone und den Gedanken nachhängen und endlich Zeit haben, sich die eignen Wünsche zu erfüllen. Ganz einfach wollen und dürfen und nicht mehr sollen und müssen. Auf dei Frage, ob sie das Leiten und Trainieren und die Wettkampfatmosphäre mit den Jungs in der Halle nicht mehr vermisse, meint Esther: «Ich bin nach wie vor eng verbunden mit meiner Sportart. Als Fan von Pablo Brägger, den ich in seinen Jugendjahren auch in der Halle begleitete, im STV Wil oder beim Bewegen in der Natur. Wer wie ich und mein Mann das Leben lang dem Turnsport widmete, hat das im Blut bis ins hohe Alter. Der Virus wird bleiben und das ist auch gut so. Vermissen werde ich es aber nicht, denn wir geniessen gemeinsam und mit Freunden die neue Zeit.»
Esther Andermatt wurde im Jahr 2009 von der IG Wiler Sport und dem Panathlon Club Region Wil auch zur Wiler Sportförderin gekürt und arbeitete in der Anfangsphase auch intensiv an den Konzepten für die Sportschule Lindenhof in Wil mit.

Fast ein Familienprojekt

Unterstützt wurde Esther Andermatt in den letzten vier Jahrzehnten auch von ihren Mann Erhard und der ganzen Familie. «Auch wenn ich immer wieder an der Front für Bewegung sorgte, konnte ich das nicht alleine machen und konnte auf meine Familie aber auch die Unterstützung im TZ Fürstenland und im RLZ Ost zählen“, so die ausgebildete und dazumal erste Männer-Kunstturntrainerin auf der Stufe Leiter 1 in der Schweiz. Wir sprachen mit der Turnerin mit Leib und Seele über Lust und Frust und die schönsten Meilensteine in der Kunstturnbewegung in der Region Wil, zu welchen sie wesentlich beitrug.

Im Sommer war Schluss und Sie traten als Trainerin im Trainingszentrum Fürstenland ins zweite Glied zurück. Frust oder müde?
Esther Andermatt: „Weder noch, aber es ist an der Zeit an Jüngere zu übergeben. Zudem sind ich und mein Mann pensioniert und wir möchten unsere Freizeit etwas weniger abhängig von Pflichtterminen gestalten können. Sicher sind wir aber in ehrenamtlichen Chargen weiterhin dem Turnen und Kunstturnen verbunden. Zudem halten uns auch unsere Enkelkinder fit.»

War das schon immer so?
Ich, mein Mann und die Familie sind dem Sport grundsätzlich und vor allem dem Turnen und Kunstturnen seit den Jugendjahren sehr eng verbunden. Erhard und ich waren und sind immer noch in Turnvereinen und als Bergfans auch im SAC. Als einstige Präsidentin der Damenriege des STV Wil wuchs ich bald in ehrenamtliche Aufgaben. Als das Kunstturnen in der Region vor 30 Jahren neu organisiert werden musste, waren wir als Mitgründer des TZ Fürstenland an vorderster Front präsent. Dies nicht zuletzt auch darum, weil unsere Söhne als Kunstturner mit dabei waren. So war der Weg vorgezeichnet, sich für Verbesserungen und Neuerungen grundsätzlich und für die Kunstturnjugend speziell einzusetzen.

Ist es so, dass es für eine Frau enorm schwierig ist, sich im Männerturnen durchzusetzen?
Sicher war es kein Vorteil, denn gerade noch vor 30 Jahren musste man eher mehr leisten als Frau, um die Männer zu überzeugen. Der heutige Stand des Kunstturnens in der Region zeigt aber auf, dass die Frauen sicher recht viel auch gut machten.

Würden sie den Weg wieder so wählen?
Wenn ich die Ergebnisse, das heisst den erfolgreichen Neuaufbau des TZ Fürstenland Männer, mit dem Bau der Schnitzelgrube am Klosterweg und dann dem sportlichen Aufbau und dem Bau der ganzen Infrastruktur des RLZ Ost in Wil betrachte, dann sicher ja und es hat sich gelohnt.

Was brachte ihnen das persönlich?
Ich habe in Vereinen, Vorständen, OK’s und Kommissionen auch sehr viel für das Leben und den Beruf (Pflegefachfrau/Spitex) mitgenommen und ich lernte mich auch durchzusetzen. Ich kann jungen Menschen nur empfehlen, sich auch in Vereinen viel Wissen für das Leben und den Beruf mitzunehmen.

Esther Andermatt hat grossartige Aufbauarbeit geleistet.

Auf was sind sie besonders stolz?
Stolz ist definitiv das falsche Wort. Es waren alles Aufgaben und Lösungen zu Gunsten der Zukunft im Kunstturnen aber auch die Bewegungsförderung beim kleinsten Nachwuchs. Nach wie vor freut es mich, dass wir uns sportlich, wirtschaftlich und nicht zu vergessen auch politisch durchsetzen konnten. Zuerst mit dem Bau der Schnitzelgrube am Klosterweg und dann mit dem Bau (Architekt Erhard Andermatt) des schweizweit nach wie vor schönsten Kunstturn-Leistungszentrum, das RLZ Ost in Wil. Auf die gleiche Stufe möchte ich aber auch meinen Einsatz im Kinderturnen und speziell mit dem Aufbau der neuen Angebote mit KidsFlitz und Kid Gym für die ganz Kleinen stellen. Es geht dabei nicht in erster Linie darum, einen neuen Pablo Brägger oder eine neue Giulia Steingruber zu entdecken, sondern die Freude an der Bewegung zu wecken und Motivationen zu vermitteln sich sportlich zu betätigen.

Gerade im Kunstturnbereich gab es in der Region immer wieder Störfaktoren, personelle Engpässe oder Wechsel in Leiter-, resp. Trainerfunktionen. Gibt es Gründe?
Heute gibt es gerade im RLZ Ost, aber auch im TZ Fürstenland professionelle Trainer in Anstellungsverhältnissen. Da gibt es zwischen der Ehrenamtlichkeit der Vorstände und der Professionalität im Trainergremium auch unterschiedliche Auffassungen Ziele zu erreichen und somit auch Reibungsflächen. Wichtig ist dabei, dass Persönliches hintenanstehen sollte und man immer im Team mit klarem Ziel für das Ganze arbeitet. Diesbezüglich gab und gibt es, wie im allgemeinen Berufsleben auch, verschiedene Ansatzpunkte.

Wie sind diese zu verhindern?
Wichtig ist, dass auf verschiedenen Ebenen vielleicht auch neue Kräfte ans Ruder kommen, um mit neuen Ideen das Kunstturnen in der Ostschweiz weiter zu fördern. Es ist ja das primäre Ziel die Jungen, ob Jungs oder Girls, in den Trainingszentren für das Kunsturnen zu begeistern. Im Leistungszentrum RLZ Ost sind diese Talente dann entsprechend zu begleiten, um in nationale Kader aufzusteigen oder gar den Sprung nach Magglingen zu schaffen.

Was war ihr Ziel?
Ich war nach grosser Aufbauarbeit im TZ Fürstenland Herren auch danach ein Teil des Teams. Noch wichtiger schien mir aber die Leidenschaft für den Sport allgemein und das Kunsturnen speziell. Es war mir immer wichtig, den Kindern und Jugendlichen eine optimale Bewegungsgrundschule zu vermitteln, egal welche Sportart danach für sie die ideale war. Die Freude an der Bewegung kam zuerst und erst danach die Leistung.

Ist die Nachfolge im TZ Fürstenland und im RLZ Ost geregelt?
Inzwischen recht optimal, so dass ich mit gutem Gewissen ins zweite Glied zurücktreten kann. Der Betrieb, auch für den kleinsten Nachwuchs, ist gesichert und es sieht nun auch so aus, dass neue Kräfte gestaffelt übernehmen und auch mit neuen Ideen weitere Akzente setzen möchten und das ist gut so.