KULTUR IN WIL – EINE BESONDERS WERTVOLLE RESSOURCE


Wil nennt sich Kulturstadt; in die Künste investierte Fördergelder sind besonders gut angelegt, sie bringen viel gesellschaftlichen Ertrag.


(Adrian Zeller)

Seit seine Tochter bei der Kinderbühne Wil mitmache, sei sie weniger schüchtern und ihr Auftreten wirke selbstbewusster, erzählt ein Vater. Dieser Effekt ist nicht erstaunlich, das Üben einer musischen Richtung erzielt eine Wirkung, die die Wissenschaft Transferleistungen nennt. Am Beispiel des Instrumentalunterrichts wurde diese Wirkung detailliert erforscht. In einer Langzeitstudie erhielten in Berlin sieben Schulklassen zeitintensiven Musikunterricht. Dabei wurden Schülerinnen und Schülern mit Kindern verglichen, die am regulären schulischen Musikunterricht teilnahmen.

Vermehrter Zusammenhalt 

Die erweiterte Musikerziehung bestand aus Musikunterricht, dem Erlernen eines Instruments sowie dem Spielen im Ensemble. Während sechs Jahren wurde eine Reihe von Faktoren wie etwa das Sozialverhalten gemessen. Laut der Untersuchung hat sich dieses durch das aktive Musizieren markant verbessert. Ablehnende oder ausgrenzende Haltungen anderen Schülern gegenüber nahmen in den Musikklassen ab. Im Weiteren stieg bei den Musikschülerinnen und -schülern der Intelligenzquotient messbar an. Auch die Konzentrationsfähigkeit war höher als bei den Vergleichsklassen. Die Kinder empfanden sich auch als weniger ängstlich.

Ganzheitliche Wirkung

Wenn viel Zeit für die erweiterte Musikerziehung aufgewendet wird, drängt sich die Frage auf, ob nicht die anderen Fächer quasi zu Stiefkindern werden? Der prozentuale Anteil der Kinder mit überdurchschnittlich guten Leistungen sei in den musizierenden Klassen vergleichsweise höher, halten die Forscher fest. Beim Erlernen eines Instruments trainiert das Kind ganz allgemein, wie man neue Fertigkeiten erwirbt, es braucht Ausdauer, Konzentration und Selbstdisziplin. All dies ist für die Lebensbewältigung wichtig. Mit anderen Worten: Konzentration und Selbstdisziplin beim Spielen eines Instruments zu trainieren, fällt deutlich leichter als beim mühseligen Pauken von Verben. Ob Musizieren, Dichten, Modellieren oder Theater spielen,  musische Tätigkeiten sprechen Verstand, Gefühl und Motorik an.

Positive Wirkung in jedem Alter

Fachleute vermuten, die Wirkung von Musizieren sei mit dem Grundtraining eines Sportlers vergleichbar: Das regelmässige Üben von Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit schafft die Basis für anspruchsvolle Leistungen in einer Einzeldisziplin. Beleg für die Annahme der fördernden Wirkung sind Testergebnisse der Universität Hong Kong, die zeigen, dass Musikerinnen und Musiker insgesamt ein besseres Gedächtnis haben als jene Menschen, die kein Instrument spielen. Die positiven Effekte von kreativen Aktivitäten kennen kein Alterslimit.

Viele Angebote für Kinder in Wil

Nebst der Kinderbühne bietet Wil ein breites Angebot an ausserschulischen musischen  Trainings für Kinder: Singbox, Stadttambouren, Bläserkids sowie das Kinderballett. Insbesondere letzteres belegt, welch intergierende Wirkung gemeinsame kulturelle Aktivitäten haben. Im Ballett- und Tanzsstudio an der Pestalozzistrasse verbessern Mädchen aus 26 Nationen ihren Körperbewusstsein sowie ihre Koordinationsfähigkeit. Auch gemeinsames Singen überwindet kulturelle Grenzen und bringt Menschen zusammen: Im Wiler Inside Africa Chor sind Personen aus zwölf Ländern vertreten, auch der Wiler Coro Suizo Lationamericano ist international besetzt.

Persönlichkeitsentfaltung wird angeregt

Wil besitzt ein besonders breitgefächertes Angebot an Chören. In rund 20 Gesangsgruppen  wird jodelt und werden Pop, Gospels und Werke der Klassik eingeübt. Der Volksmund kennt dazu eine originelle Lebensweisheit: «Wer schon des Morgens dreimal schmunzelt, des Mittags nicht die Stirne runzelt und abends singt, dass es laut schallt, wird hundertzwanzig Jahre alt.» Dies ist zwar etwas übertrieben, aber dennoch nicht ganz falsch: In Schweden haben Forscherinnen und Forscher herausgefunden, dass Sängerinnen und Sänger eine deutlich höhere Lebenserwartung als die übrige Bevölkerung haben. Wie eine Studie an der Universität Münster in Deutschland an 500 Kindergärtnern gezeigt hat, sind Kinder die oft singen gegenüber ihren Kameraden im Vorteil, sie haben eine höhere Sprachkompetenz und sie können sich bessere in andere einfühlen. Dazu ist es allerdings wichtig, dass sie nicht nur für sich alleine, sondern auch innerhalb einer Gruppe singen.

Singende Kinder haben laut Wissenschaft einen besseren Zugang zu ihren Emotionen und werden dadurch intensiver in ihrer Persönlichkeitsentfaltung angeregt. Sie wirken selbstbewusster und trauen sich eher verbal für ihre Anliegen einzusetzen. Wie eine Untersuchung zeigte, sind Erwachsene die als Kinder oft musiziert und gesungen haben bessere Teamleiter.

Fit durch Singen

Beim Singen finden aufgestaute Emotionen ein Ventil, dadurch werden die Psyche und der Körper entlastet und entspannt. Forscher haben nachgewiesen, dass das Gehirn nach dreissig Minuten Singen erhöhte Anteile von Endorphin und von Serotonin ausschüttet. Damit wird die Stimmung gesteigert. Gleichzeitig werden auch Cortisol und weitere Stresshormone abgebaut. Dadurch wird unter anderem die Verdauung verbessert. Singen stärkt auch das Immunsystem. In Frankfurt wurden Sängerinnen und Sänger wissenschaftlich analysiert. Nach einer einstündigen Probe für das «Requiem» von Mozart war der Wert an Abwehrzellen gegen Krankheitserreger bei den Singenden deutlich angestiegen.

Musizieren fördert die Fitness

Zudem wird der Atemprozess während des Singens verbessert. Normalerweise wird beim Atmen nur der Brustkorb benutzt, trainierte Sängerinnen und Sänger bewegen zusätzlich das Zwerchfell und atmen in den Bauchraum. Dabei entspannen sie den Brustkorb und kräftigen gleichzeitig die Rückenmuskulatur. Das Herz-Kreislaufsystem wird zusätzlich aktiviert und damit die Durchblutung im Körper verbessert. Gleichzeitig nimmt auch die Sauerstoffversorgung des Organismus zu. Experten betonen, regelmässig Singende seinen körperlich ungefähr gleich fit wie Personen, die regelmässig leichten Ausdauersport betreiben.