KULTURSTADT WIL: MUSISCHE STADT STATT GEISTERQUARTIERE


Wil befindet sich derzeit in einer Metamorphose, welche Aufgabe kommt dabei der Kultur zu?

„Wiler Kulturkolumne Juni 2020“ von Adrian Zeller.

Was tun wir in Wil? Wir kaufen ein, wir begegnen Freunden, Bekannten und Kunden, wir treffen uns zu Sitzungen und zu Geburtstagfeiern, wir arbeiten, wir besuchen Restaurants, Kinos, Amtsstellen und wir wohnen innerhalb der Stadt. Moment mal, trifft diese Definition überhaupt zu?

Diese Vorstellung von urbanem Leben war in der Vergangenheit berechtigt, doch es brechen andere Zeiten an. Ein markantes Anzeichen dafür ist die Schliessung des Finnshop. Der prosperierende Handel, der einst in der historischen Marktstadt Wil ein wichtiger Teil des Gewerbes war, hat an Bedeutung eingebüsst. In einigen Wiler Schaufenstern ist mittlerweile die einzige Auslage ein Schild mit der Aufschrift: Lokal zu vermieten: Tel. 077 XXX XX XX.

Alltägliches online

Ladeninhaber stellen in Wil innert der letzten Jahre einen markanten Rückgang an Kunden fest. Der «Schaufensterbummel» lässt sich mittlerweile bequem am Smartphone oder am Tablet im Liegenstuhl geniessen.

Die Stadt im Fürstenland ist Teil einer globalen Entwicklung und transferiert damit nach und nach einen Teil ihres Alltags in den virtuellen Raum: Mit der Bank, mit der Versicherung und mit Ämtern lässt sich vieles online erledigen. Sogar Brillen und etliches mehr kann man im Internet auswählen; Tendenz steigend.

Shoppen per Mausclick

Die Corona-Phase verdeutlichte, dass es für die Versorgung nicht zwingend geöffnete Schuhgeschäfte, Elektronikshops und Parfümerien braucht. «Der Online-Handel wird sich noch mehr etablieren», betonet die Forschungsleiterin des Gottlieb Duttweiler Institutes, Karin Frick, kürzlich in einem Interview. «Die Leute haben jetzt auch gemerkt, wie bequem es ist, Lebensmittel oder andere Anschaffungen per Mausklick nach Hause zu bestellen.» Und Streaming-Dienste liefern zudem beste Unterhaltung ins Wohnzimmer und konkurrenzieren damit die Kinos.

Städtische Funktionen im Wandel

Die Umbrüche durch die Digitalisierung stellt auch die Arbeitswelt auf den Kopf. Durch Fortschritte in der künstlichen Intelligenz werden gemäss Expertenprognose mittelfristig zahlreiche Stellen in den Banken und Versicherungen überflüssig. Je nach Studie wird es 25 – 45 Prozent der jetzigen Berufe in einigen Jahren nicht mehr geben, weil sie nicht mehr benötigt werden.

Schalterpersonal in Poststellen, in Banken und bei der Bahn hat das Internet schon länger reduziert. Die Stadt als physischer Dienstleistungsort hat an Wichtigkeit eingebüsst. Zufallsbegegnungen beim Einkaufen und am Briefkasten werden seltener. Deutliches Indiz: Die Internetadresse einer Person wird zunehmend bedeutsamer als ihre Postanschrift.

Auseinanderdriften der Lebensbereiche

Kurz und bündig: Die Stadt ändert derzeit einen Teil ihrer Funktionen. Die Innenstadt ist nicht mehr der angestammte Ort in dem sich ein Grossteil das gesellschaftliche Leben abspielt. In vergangenen Generationen waren Wohnen, Einkaufen, Arbeitsplatz, Schulbesuch, Kirche und Freizeit räumlich eng beisammen, wie dies das Beispiel der Wiler Altstadt veranschaulicht. Man kannte sich.

Die verschiedenen Bereiche des Alltagslebens driften immer weiter auseinander. Bereits jetzt arbeiten von Wil aus virtuelle Teams mit Mitgliedern in verschiedenen Ländern. Wo einst in Wil Stickereimaschinen ratterten haben heute IT-Firmen ihren Sitz.

Die Herausforderung ist nicht zu unterschätzen, Wil durchläuft einen Strukturwandel, die historische Äbtestadte muss den Transfer ins digitalisierte Zeitalter schaffen und gleichzeitig die Bürgerpartizipation gewährleisten.

Gesellschaftliche Klammer

Die heutigen Lebensstile in der multiethnischen Gesellschaft individualisieren sich, es braucht Plattformen, die in Wil weiterhin die Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. Die Quartierbeiz ist ein Treffpunkt mit baldigem Ablaufdatum.

Die Pandemie hat verdeutlicht, wie wichtig eine funktionierende Nachbarschaftshilfe sein kann. Wo Menschen einander treffen und sich austauschen, fühlen sie sich mit den Geschicken einer Stadt verbunden; sie nehmen Anteil an deren Entwicklung und engagieren sich für sie.

Nur wenn die Wiler Innenstadt im Bereich Gastronomie und Freizeitgestaltung attraktiv bleibt, wird der öffentliche Raum belebt wirken.

Urbaner Raum gesellschaftlich nutzen  

Städte wie beispielweise Winterthur oder Frauenfeld setzen auf Urban Gardening; Menschen hegen und pflegen gemeinschaftlich Gemüse und Blumen und begegnen einander dabei zwanglos.

Ein weiteres Publikumsmagnet sind Kulturanlässe, konkret: Rock am Weier, Classic Openair, Baronenhauskonzerte, Sommerserenaden, Bühne 70, Jazz Jam Sessions, Kathimusicals,  Chällertheater, Gare de Lion, Kunsthalle, Tonhalle, Adventssingen, Bühne am Gleis und das Stadtmuseum.

Im Weiteren sind Mitgliedschaften in Chören, in Musikbands, bei den Stadttambouren, den Bläserkids, in Theatergruppen und so weiter Plattformen um Anschluss zu finden. Wil ist diesbezüglich recht gut aufgestellt, für eine nachhaltig lebendige Stadt müssten es noch mehr originelle Kulturangebote sein.

Hierbei nur auf private Initiativen zu hoffen, ist sehr optimistisch gedacht, auch die Politik muss ihren Teil zu einer weiterhin lebendigen Stadt beitragen, indem sie für gute Rahmenbedingungen sorgt.