SYMPATHIETRÄGER UND AUFREGER – KULTUR IM ÖFFENTLICHEN RAUM IN WIL


Seit diesem Sommer ist der Wiler Stadtweier in Form von digital gespeicherten Geschichten erlebbar. Vor rund zwanzig Jahren war dieses Gewässer Schauplatz einer spektakulären Kunstaktion.


(Adrian Zeller)

Da trauten eines Morgens viele Wilerinnen und Wiler ihren Augen nicht. Aus der Mitte des Stadtweiers winkten ihnen vier starre gleichartige weisse Figuren grüssend entgegen. Nach wenigen Tagen war dieses seltsame Objekt verschwunden.


Das Original dieser Figuren stand damals, im Jahr 1998, auf dem Wiler Bahnhofplatz. Die zehn Tonnen schwere, 6,45 Meter lange und 2,6 Meter hohe Skulptur war ein Geschenk einer Kiesfirma an die Stadt Wil als Zeichen der Dankbarkeit für die langjährige Zusammenarbeit.

Es regte sich Widerstand

Das Werk hiess «Welcome» und war vom Zürcher Künstler Carlo Crameri geschaffen worden: Vier identische schematische Figuren sitzen in einem Boot und halten die Hand grüssend erhoben. Gemäss dem Schöpfer soll die Skulptur veranschaulichen, dass man dem Neuen gegenüber offen sein soll und dass alles stets in Bewegung bleibt.
Der Wiler Volksmund taufte das Objekt bald spöttisch als «winkende Indianer». Auf grosse Begeisterung stiess es bei der Bevölkerung nicht. Einige Kunstschaffende empfanden es gar als inakzeptable Provokation. Es könne nicht sein, dass eine Kiesfirma die Wiler Kulturpolitik bestimme.

Forderung nach aktiver Kulturpolitik

Die Platzierung der dominanten Skulptur war die Inspiration zur Gründung der bis heute bestehenden Künstlergruppe «Ohm 41». Ihr wurde auch die karikierende Styroporkopie von «Welcome», die vorübergehend aus dem Stadtweier ragte, zugeschrieben.
Die Kunstschaffenden empörten sich auf diese Weise über eine angeblich unzureichende Kulturpolitik der Stadt. Dieser Situation müsse mit Widerstand begegnet werden, daher der Name der Gruppe, Ohm ist die Messgrösse für Widerstand.

Figuren sind ein Kompromiss

Die damals teils heftigen Reaktionen auf die Skulptur «Welcome» veranschaulichen, welche Gefühle Kultur im öffentlichen Raum auslösen kann: Sympathie, Gleichgültigkeit, Ablehnung.
Diese Tatsache erfuhr auch der heute in Chile lebende Wiler Künstler Urban Blank. Als er 1955 einen Entwurf aus Gips für die Skulptur auf dem Alleebrunnen entwarf, empfand der auftraggebende Stadtrat die ringenden Knaben als zu plump und wenig jugendlich dargestellt.


Der Künstler reagierte seinerseits auf die Kritik mit der Bemerkung: «Es stimmt halt doch, dass Kunst sich an einen kleinen Kreis nur richten kann.» In einer längeren Unterredung zwischen dem Stadtoberhaupt und dem Kunstschaffenden wurde eine gestalterische Lösung gefunden, mit der alle Beteiligten leben konnten.

Fliessendes Bett

Längst sind die vier Grüssenden aus Beton vom Bahnhofplatz verschwunden. Kultur ist in Wil dennoch auf vielfältige Weise im öffentlichen Raum präsent, beispielsweise als trommelnder Bär als Brunnenfigur am Eingang zur Altstadt. Sie wurde 1935 von Wiler Maler und Bildhauer Werner Hilber geschaffen.
Etwas zeitgenössischer mutet das metallene Bettgestell von Roman Signer im Garten des Hofs zu Wil an, über das unablässig Wasser fliesst. Es ist auf 1998/99 datiert. Unweit davon steht ein steinernes Abbild der Stadtheiligen Pankratius auf dem gleichnamigen Brunnen. Ein Vorgänger dieser Figur stand einst am einem der Wiler Stadttore. Dieses Beispiel zeigt, was Kunst in öffentlichen Raum bewirkt, sie stiftet Identität und setzt Akzente. Zudem sind sie sozusagen «Kultur zum Null-Tarif».

Melodien in den Strassen

Kostenlos ist auch ein Besuch im Areal der Psychiatrischen Klinik, wenn man die dortigen zahlreichen kreativen Schöpfungen in den Grünflächen bei einem Spaziergang geniessen will.
Skulpturen aller Art sind dauerhaft präsente Kultur im öffentlichen Raum; im Weiteren pflegt Wil immaterielles Kulturgut wie den Gümpelimittwoch, den Laternenumzug am Sylvester und weitere traditionelle Bräuche. Auch Musik gibt es in Wil im öffentlichen Raum ohne Eintrittsgebühren. Mit den alljährlichen Sommerserenaden des Vereins Wil Tourismus, den sporadischen Auftritten unter freiem Himmel der Stadttambouren, der Bläserkids, des Jodelchors, der Kathi-Chors, des Männerchors Concorida sowie am Festival Rock am Weier kommt die Bevölkerung zum temporären kostenlosen Musikgenuss. Nicht zu vergessen, auch das Monsterguggenkonzert zur Fastnachtszeit ist gelebte Kultur im öffentlichen Raum.