VIERTER ANLASS DES VEREINS SHARE@LAB IN WIL MIT KERSTIN BRONNER


Ein Schritt nach vorne – darf die Gesellschaft bestimmen wer ich sein darf? Der Verein Share@Lab setzt sich für Geschlechtergerechtigkeit und Rollenflexibilität ein und bietet eine Plattform für den Austausch von Ideen.

Im Titelbild: Die Organisatorinnen von Share@Lab gemeinsam mit der Referentin (v.l.): Simone Hengartner Thurnheer, Antoinette Böhi, Kerstin Bronner und Monika Egli.


Kerstin Bronner ist Professorin an der Fachhochschule St.Gallen im Fachbereich Soziale Arbeit und kulturelle Brückenbauerin in der Wüste Ägyptens. Methodisch geschickt liess sie die Teilnehmenden des vierten Share@Lab Anlasses vom 27. November 2019 im Hof zu Wil spüren, wie es sich anfühlt, an der Spitze der Gesellschaft oder am unteren Rand zu stehen.

Können Sie sich bei Einbruch der Dunkelheit auf der Strasse sicher fühlen? Können Sie es sich leisten, mindestens einmal pro Woche ins Kino oder in ein Restaurant zu gehen? Können Sie relativ problemlos eine Wohnung finden? Wenn Sie alle drei Fragen mit einem klaren „Ja“ beantworten konnten, gehören Sie wahrscheinlich zu den gesellschaftlich Privilegierten.

Machen Sie einen Schritt nach vorne, wenn…

Zu Beginn wurden die Teilnehmenden darum gebeten, sich in einer Reihe am Ende des Raumes aufzustellen. Jeder Person wurde verdeckt eine soziale Rolle zugetragen: z.B. eine 48-jährige Professorin für Physik, verheiratet mit zwei Kindern; eine 28-jährige Prostituierte, HIV positiv; eine 22-jährige Detailhandelsfachfrau, alleinerziehende Mutter eines beeinträchtigten Kindes….

Die Professorin für Physik fand sich am Ende der Übung am anderen Ende des Raums wieder, gemeinsam mit der Geschäftsführerin eines Fahrradladens. Während sich der 18-jährige syrische Flüchtling, der in einem Asylheim untergebracht wurde leider keinen einzigen Schritt nach vorne bewegen konnte, fand sich der 16-jährige Realschüler aus einer Bauernfamilie nach den rund 20 Fragen immerhin im Mittelfeld wieder und in guter Gesellschaft.

Bilder vermitteln Normalität

Die Auflösung der fiktiven Persönlichkeiten erklärte am Ende der Übung deren neue Position im (sozialen) Raum. Aufgrund der gesellschaftlich geteilten Bilder durch Medien, Gespräche, Statussymbole wie hohe Bildungstitel und dergleichen löste dies bei den Teilnehmenden keine Verwunderung aus.

Die Frage danach, ob die Gesellschaft bestimmen darf, wer wir sind blieb auch in der anschliessenden Diskussionsrunde unbeantwortet. Dafür wurde eindrücklich aufgezeigt, dass sie beispielsweise durch Arbeitsmarktstrukturen und Gesetze einen grossen Einfluss auf unseren individuellen Spielraum ausübt. Nicht jeder Lebensstil ist gleichermassen gesellschaftlich geduldet. Andererseits gestalten wir als Einzelsubjekte die Gesellschaft mit. Wir tragen damit einen Teil der Verantwortung und können unreflektierte Zuschreibungen aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Klasse oder körperlichen Merkmalen auch aktiv hinterfragen.

Abschliessend wurden die Gespräche wie immer bei einem gemütlichen Netzwerkapéro mit einem Glas Wein vertieft.

Aufstellungsübung im Gewölbekeller des Hof zu Wil: „Ein Schritt nach vorne“.