WAHLEN 19: ST. GALLER GEWERBE AUF ABWEGEN?


Beispiele von Gewerbekandidaten, die vom «Gewerbe St.Gallen» nicht unterstützt werden. (oben v.l.n.r: Karin Weigelt, Judith Scherzinger, Thomas Amann; Unten: Brigitte Bailer, Esther Friedli)


Der St. Galler Gewerbeverband hat auf seiner Empfehlungsliste für die nationalen Wahlen wenige Kandidaten, die wirklich Gewerbler sind. Dafür Bankdirektoren,Gemeindepräsidenten, einen Landwirt oder eine Rechtsanwältin.


(Bruno Hug, Linth24)

Das Gewerbe hätte genug Gründe, echte «Gewerbler» nach Bern zu schicken. Sprich solche, die den gewerblichen Berufsstand kennen und glaubhaft vertreten. Denn bekanntlich sind es immer mehr die Gewerbe-KMU’s, welche unter wirtschaftlichen Druck kommen. Sie leiden unter dem vor sich hinwuchernden Staat, der ausufernden Bürokratie, den steigenden Gebühren und Abgaben, immer neuen Arbeitsvorschriften oder der Billig-Konkurrenz aus dem Ausland.

Scheinbar aber hat der St. Galler Gewerbeverband andere Prioritäten. Auf seiner Homepage (www.gewerbesg.ch) stellt er seine Wahlempfehlungen für die Nationalratswahlen unter das Motto: «Für mehr St.Gallen in Bern». Der Gewerbeverband will also möglichst viele St. Galler ins Parlament bugsieren, was genügen soll. Eine eigenartige Forderung: Erstens können ohnehin nicht mehr als 12 St. Galler nach Bern gewählt werden und zweitens müsste der Gewerbeverband, nimmt er seine Aufgabe ernst, möglichst viele «Gewerbevertreter» nach Bern portieren. Nur das zählt, und nicht, dass es möglichst viele St. Galler sind.

Gemeindepräsidenten sind keine Gewerbler

Von den zwölf durch das St. Galler Gewerbe empfohlenen Nationalratskandidaten haben mehr als die Hälfte praktisch nichts mit dem Gewerbe zu tun. So sind auf der Gewerbeliste ein Bank-Vizedirektor und eine Bank-Direktorin zu finden (Patrick Dürr und Yvonne Suter beide CVP). Oder ein Gemeinde- und ein Stadtpräsident (Michael Götte und Thomas Müller, beide SVP). Auch der Direktor der Olma-Messen (Nicolo Paganini, CVP) soll ein Gewerbler sein, genauso wie ein Landwirt (Stefan Britschgi, FDP). Und mit der FDP-Kandidatin Susanne Vincenz-Stauffacher kommt noch eine Rechtsanwältin hinzu. Letztere wird bekanntlich auch von der «Operation Libero» unterstützt – einer Organisation, die die Schweiz, und damit auch das Gewerbe – in die EU führen möchte. Das ist kaum im Sinne der meisten St. Galler Gewerbler.

Echte Gewerbevertreter haben das Nachsehen

Eigentlich wüsste man im Gewerbeverband schon, wer ins Parlament gehört. Gemäss dessen Homepage wird von den Kandidierenden «ein gewerblicher Hintergrund erwartet». Sie sollen zudem Unternehmer sein, die «am Ende des Monats die Löhne ihrer Leute zahlen» und deshalb auch wissen, dass jeder Franken verdient werden müsse, bevor er ausgegeben wird.

Festangestellte UBS-, CS- und andere Direktoren sowie Stadt- und Gemeindepräsidenten – mögen sie als Nationalräte noch so fähig sein – haben diese Sorgen jedoch kaum.

Linth24 wollte vom Verband wissen, wie er auf seine Wahlempfehlungen gekommen sei. Felix Keller, Geschäftsführer des Verbandes «Gewerbe St. Gallen» antwortete per Mail: Sein Verband unterstütze Kandidaten, welche Verbandsmitglied sind, dem Gewerbe nahestehen würden, sowie eine Bewerbung eingereicht «und gewisse Wahlchancen» hätten.

Das sind offenbar die Kriterien der Verbandsführung, mit denen Bankdirektoren und Gemeindepräsidenten und Anwälte und Bauern in die Gewerbe-Kränze kommen, also vom Gewerbe unterstützt werden. Umgekehrt werden echte St. Galler Gewerblerinnen und Gewerbler vom Gewerbeverband weder portiert noch unterstützt. Dieser Bannstrahl trifft zum Beispiel Judith Scherzinger (CVP, Gossau), welche zwei Fachgeschäfte führt, Thomas Ammann, (CVP, Altstetten), mit eigener Treuhandfirma, Karin Weigelt (FDP, Sargans)  mit eigener Kommunikationsfirma, Brigitte Bailer (FDP, Rapperswil-Jona) mit eigenem Beratungsunternehmen oder Esther Friedli (SVP, Ebnat Kappel) als Gastronomin.

Gewerbler reiben sich die Augen

Manch ein St. Galler Gewerbler dürfte sich nach der Sichtung der eher gewerbefernen «Gewerbeliste» die Augen reiben. Und sich fragen, ob sein von einem Arzt (Präsident) und einem Anwalt (Vizepräsident) geführter Verband tatsächlich seine Interessen vertritt und den Mitgliedschaftsbeitrag rechtfertigt.