WILER KULTURGESCHICHTE: AUS POMPÖSEM BAROCK WIRD VERSPIELTES ROKOKO


Die Epoche des Rokoko betonte die heiteren und die amourösen Seiten des Lebens. Diese elegante Geschichtsphase hat verschiedene Spuren in Wil hinterlassen.

Im Titelbild: Eingangstüren im Rokokostil der Altstadt Wil.


(Adrian Zeller)

Um 1500 wurde die bisherige Welt eine völlig andere: Amerika wurde entdeckt; aus den Kolonien gelangten sagenhafte Reichtümer nach Europa; einzelne Bürger und auch Städte wurden mit Handel vermögend; mit dem Buchdruck war die Massenkommunikation erfunden worden; und die Reformation schmälerte die Macht der Kirche.

Überschäumende Pracht

Die reformatorischen Unruhen hatten leergeräumte Gotteshäuser hinterlassen. Der Zierrat, die Kultgegenstände sowie die Statuen und die Bilder waren zerstört oder verkauft worden. Die Kirchen wirkten entmystifiziert. Die Gegenreaktion folgte bald.

Die von den Reformatoren geforderte Nüchternheit, Sittenstrenge und Selbstdisziplin wurde mit viel Pomp beantwortet. Der anbrechende Barock wollte den sakralen Bauten mit überschäumenden Stuckaturen und monumentalen Bilderwelten den Glanz zurückgeben.

Die Künstler malten Deckenfresken in die Gotteshäuser, die einen direkten Blick in den Himmel zu ermöglichen schienen. Georg Friedrich Händel und weitere Komponisten dieser Epoche schufen klanggewaltige Werke. Und bei den Perückenfrisuren, in der Kleidung sowie bei den Speisetafeln war Üppigkeit angesagt.

Das gemeine Volk hatte dagegen oft ein bescheidenes Auskommen und musste durch Abgaben den masslosen Luxus der Aristokraten finanzieren.

Paradoxe Gegensätze

Die ständige Feierlichkeit und Dramatik rief mit der Zeit nach etwas mehr Leichtigkeit und reduzierte Förmlichkeit im Dasein. Die Antwort hiess: Rokoko. Die Stuckateure gestalteten in der Folge weniger üppige, dafür schwungvollere Formen. Bei den Malern hellte sich die Palette auf, die Abgebildeten wirken fröhlicher, anmutiger, verspielter, feinsinniger und bisweilen sogar erotisch angehaucht. Eleganz und Sinnlichkeit lösten die überladenen Auftritte des Barock ab.

Die Landschaftsdarstellungen wirken von nun an lieblicher und idyllischer. Die Gebäude wurden in jener Zeit innen und aussen mit Verzierungen versehen und auch die Möbel sowie die Kachelöfen wurden entsprechend gestaltet.

Rückzug in die Salons

Rokoko ist zudem auch das Zeitalter des Porzellans, in Form von Geschirr, von Vasen und von Nippesfiguren. Die Technik der Porzellan-Herstellung wurde in Europa 1709 entdeckt. In China kannte man das Verfahren bereits viel länger, hielt es aber geheim.

Das Trinken von Tee, Schokololade und Kaffee in den Salons der Bürgerhäuser und der Palais kam damals in Mode. Während im Barock die Öffentlichkeit als Bühne im Vordergrund stand, zogen sich die Menschen im Zeitalter des Rokoko vermehrt in die Häuser zurück und frönten Genüssen. Entsprechend spielten auch die Möbel eine wichtigere Rolle, die Sitzgelegenheiten wirkten bequemer, und die Sekretäre und die Schränke wurden mit zahlreichen Schubladen versehen und mit Intarsien verziert.

Rokoko-Spuren in Wil

In Wil tragen einige Liegenschaften die Kennzeichen des Rokoko. Sie wurden in dieser Kulturepoche errichtet oder entsprechend umgebaut. Nicht alle Bauten sind allerdings eindeutige Beispiele dieser Stilrichtung, zum Teil sind sie auch von anderen Epochen beeinflusst; ein Mix von verschiedenen Stilen wird als Eklektizismus bezeichnet: Kornhaus (1773); Restaurant Adler (1774-78); Rundenzburg (1774); Baronenhaus (1795), wie auch die äbtische Kapelle im Hof zu Wil.

Rokoko, Seitenflügel des Baronenhauses.
Rokoko, Stuckatur des Baronenhauses.

Gotteshaus voller Stuckaturen

Ein weiteres anschauliches Beispiel ist die Kirche von Dreibrunnen, die 1776/77 im Rokokostil  umgestaltet wurde.

Seit kurzem erstrahlt das restaurierte Deckengemälde in der Kirche Maria Dreibrunnen in neuer Pracht. Geschaffen hat es der Wiler Maler Jakob Joseph Müller. Er war ein Sprössling der Müller-Dynastie, die im sogenannten Steinhaus zuhause war. Es stand an der Stelle der heutigen Niederlassung der St. Galler Kantonalbank.

Lehrjahre in Rom und Madrid

Als Neuzehnjähriger reiste Müller nach Rom. Dort nahm ihn Corrado Giaquinto als einen seiner Schüler auf. Giaquinto gilt als bedeutender Maler des Rokoko. Er wurde zum Direktor der Königlichen Akademie in Madrid ernannt. Müller nahm er mit. Dieser errang dort als herausragendes Talent den ersten Preis an der Akademie in Form eines Diploms sowie einer Goldmedaille.

Als sein Vater 1759 starb, kehrt Müller mit seiner Familie in seine Heimatstadt zurück. 1761 bot er dem Rat von Wil an, kostenlos die Decke von Maria Dreibrunnen zu bemalen, wenn der Rat seinerseits die Kosten für das Material übernehme. Das Fresko ist Müllers Dank für eine unbeschadete Rückkehr nach Wil. Der bayrische Stuckateur Johann Melchior Modler sorgte seinerseits für die entsprechende Ausgestaltung der Kirche. Zuvor hatte er bereits die Klosterkirche in Fischingen im Stil der damaligen Zeit ausgeschmückt.

Rokokostuckaturen Kapelle Maria Dreibrunnen.