WILER KULTURGESCHICHTE: DER WANDEL KÜNDET SICH AN


An einer Seitenwand der St. Nikolaus Kirche in der Wiler Altstadt prangt ein grosses Freskobild. Es ist ein herausragendes Dokument einer Übergangsphase in der Geschichte der Menschheit.


(Adrian Zeller)

Heutzutage ist oft vom Digitalen Wandel die Rede, dies weckt Erinnerungen an eine frühere Zeit des Umbruchs. Dafür steht ein Bild in Wil. Eine rund vier Meter grosse Christophorus-Darstellung präsentiert sich an einer Seitenwand der Wiler Stadtkirche. Das Werk wurde 1480 vom Winterthurer Maler Hans Haggenberg geschaffen.

Sein Auftraggeber war ein prägender Akteur für Wil und für die Ostschweiz: Ulrich Rösch kam 1426 als Sohn eines frommen Bäckers in Wangen in Allgäu zur Welt. Durch Vermittlung von Geistlichen in seiner Verwandtschaft wurde er ins Kloster St. Gallen aufgenommen; sein Einstieg begann als Küchenbursche.

Mit 25 wurde Rösch Klosterverwalter. Später ernannte ihn der Papst zum Abt; im Alter von 37 Jahren war er auf den obersten Karrierestufen angelangt. Auf die nächstfolgenden verzichtete er freiwillig, Papst Sixtus wollte ihn zum Kardinal ernennen, Rösch lehnte ab.

Auch Wil profitierte

Der Mönch mit Managerfähigkeiten wird von Zeitgenossen als fleissig, schlau, machtbewusst und sehr ehrgeizig charakterisiert. Der geschickte Rechner war eine stattliche Erscheinung mit auffälligen roten Haaren.

Der im Volksmund als «roter Ueli» bezeichnete Abt verhalf dem Kloster St. Gallen zu einer neuen Blüte. Laut Historikern schuf er einen Gottesstaat; dies nicht ohne heftige Nebengeräusche, die sich auch auf Wil auswirkten.

Seine Mitbrüder bezeichneten ihn anerkennend als zweiten Gründer des Klosters. Seine Vorgänger hatten es heruntergewirtschaftet. Vorsteher Ulrich straffte die Disziplin im Klosterleben, baute die Klosterschule und die -bibliothek aus, er tilgte aufgelaufenen Schulden, er trieb schon lange ausstehende Abgaben ein, kaufte und verkaufte Ländereien, Weinberge und Immobilien. Und er sorgte auch für wirtschaftlichen Aufschwung, indem er sich zusätzliche Marktrechte sicherte, davon profitierten auch die Wiler, die verschiedenen Abgaben füllten die Stadtkasse.

Hof als Ausweichquartier

Mit dem teils resoluten Machtgebaren von Rösch waren nicht alle in seiner Umgebung einverstanden, es kam zu Aufständen. In der Stadt St. Gallen stiess er immer wieder auf Widerstand, er fühlte sich deshalb im Kloster nicht mehr sicher. So liess er seine Zweitresidenz in Wil umfangreich ausbauen: Der Hof als einstige Wehranlage wurde zu einer eindrucksvollen fürstäbtlichen Residenz. Das heutige markante Erscheinungsbild des Hofs trägt vor allem die Handschrift Röschs.

Dank einer wieder gefüllten Klosterkasse erteilte Rösch weitere Bauaufträge in der Region. Verschiedene Gotteshäuser wurden aus- und umgebaut, so auch die St. Nikolaus Kirche. Um 1478 erhielt sie ein spätgotisches Erscheinungsbild mit einem Kirchenschiff. In ihm liess Rösch ein überlebensgrosses Christophorusbild auftragen. Lange war das Bild abgedeckt, erst bei der Kirchenrenovation von 1932/33 kam es wieder zum Vorschein.

Der Maler Haggenberg führte während zwanzig Jahren immer wieder künstlerische Aufträge für Rösch aus. Sein Handwerk hatte er sich seinerseits in der Werkstatt eines Meisters in Konstanz angeeignet.

Neuer Kontinent

Unter Experten gilt der Wiler Christophorus als aussergewöhnlich, das Bild enthält Hinweise auf eine nahende Zeitenwende, das Mittelalter endete. Zwölf Jahre nach der Entstehung des Bildes in Wil zeichnete Leonardo da Vinci seine weltbekannte Menschenfigur mit den entsprechenden Proportionen, damit war die Kunst in der der Renaissance angekommen. Im selben Jahr landete ein Seefahrer mit seiner Flotte am Ufer einer Karibikinsel. Er glaubte, einen neuen Seeweg nach Indien gefunden zu haben. Tatsächlich hatte Kolumbus einen neuen Kontinent entdeckt.

Leonardo da Vinci (1492)

Ein Jahr vor der Entdeckung Amerikas war Ulrich Rösch in Wil verstorben. Haggenberg hatte ihn in einer Freskomalerei im Hof festgehalten. Es zeigt den Abt mit den Insignien eines Bischofs und seinen Wappen bei der Vergabe eines Lehens. Das Bild sagt einiges über jenen Zeitgeist aus. Ulrich Rösch sitzt auf seinem Thron, rechts sitzt der Herzog von Schwaben auf seinem Thron und vergibt ein Amt an den Edlen von Bichelsee. Weil der Fürstabt in der damaligen Hierarchie höhergestellt war, ist seine Abbildung etwas höher positioniert als jene des Herzogs. Die Darstellung konzentriert sich auf die Funktion der Abgebildeten, sie werden nicht naturalistisch dargestellt, diese Art der Bildgestaltung kam erst mit der Renaissance in Mode.

Haggenberg: Ulrich Rösch links (Entstehungsjahr unbekannt, nach 1470)

Betrachter wird einbezogen

Im Mittelalter wurden Figuren kaum realitätsnah widergegeben, sondern in ihrer religiösen und hierarchischen Stellung. Das Bildnis im Hof ist eher ein Organigramm, weniger eine historische Darstellung eines Vertragsabschlusses. Die Abgebildeten wirken in der Gotik schematisiert, plakativ und statisch. Der mimische Ausdruck der Gesichter ist wenig nuancenreich. Im Gegensatz dazu ist der Christophorus in seinen Proportionen dargestellt, und sein Kleid scheint lebhaft bewegt. Damit nutzt er ein verändertes Formenverständnis, das auf die einsetzende Renaissance hindeutet. Der Heilige scheint zudem mit neugierigen und wachen Augen in seine Umgebung zu blicken. Damit nimmt er mit dem Betrachter Blickkontakt auf, dies war in der vormaligen Gotik unüblich. Der Betrachter war lediglich ein Zuschauer der Darstellung, er war in keiner Weise einbezogen. Seine Aufgabe war einzig die Verehrung.

Neues Raumverständnis

Mit der Renaissance lösten sich die Menschen von ihrer mentalen Fixierung auf das Jenseits, sie entdeckten das Diesseits und orientierten sich dabei an der Darstellungsweise der Antike. 1494, 14 Jahre nach der Entstehung des Christophorusbildes in Wil, begann Leonardo da Vinci in Mailand sein berühmtes Abendmahl, ein Schlüsselwerk der Renaissance. Dessen Figuren wirken aus dem Leben gegriffen, insbesondere in ihrer Gestik und Mimik. Das Bild weist Schattierungen auf, damit wirken die Figuren nicht mehr schematisch wie in der Gotik. Zudem arbeitete Leonardo mit der Raumperspektive. Zuvor war die Bedeutungsperspektive üblich: was in der religiösen Hierarchie wichtiger ist, wird grösser dargestellt, seine Position im Raum ist unerheblich.

Letztes Abendmahl Leonardo da Vinci (1494 bis 1497)

Um 1515 ist Haggenberg in Winterthur gestorben. Drei Jahre zuvor war das monumentale Deckengemälde von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle in Rom enthüllt worden, ein Geniestreich der Renaissancemalerei.

Berühmte Zeitgenossen

Zwei Jahre nach Haggenbergs Tod nagelte Martin Luther seine 95 Thesen an die Türe der Schlosskirche von Wittenberg. Es war der Auftakt zur Reformation, die den Kontinent und die Gesellschaft umpflügen sollte. Die Ideen der Reformation und die Stellungnahmen ihrer Gegner breiteten sich in Europa mit Flugschriften aus. Die Technik des Buchdrucks, die für die Herstellung dieser Massenpublikationen erforderlich ist, hatte Johannes Gutenberg im Geburtsjahr von Hans Haggenberg, 1450, erfunden. Ohne Drucktechnik hätte sich die Reformation kaum so rasch Fuss fassen können. Dank der neuen Vervielfältigungstechnik wurde auch die Bibel vielen Menschen direkt zugänglich.

Übrigens: Im gleichen Jahr wie Hans Haggenberg kam auch ein weiterer herausragender Künstler der Übergangszeit von Gotik zur Renaissance zur Welt: Hieronymus Bosch. Und auch Matthias Grünewald, Albrecht Dürer sowie Tilmann Riemenschneider waren Zeitgenossen Haggenbergs.