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Kultur
29.05.2020
06.09.2020 16:13 Uhr

DIE SPANNENDE GESCHICHTE DER WILER PFINGSTPROZESSION

An diesen Pfingsten jährt sich zum 575. Mal die Belagerung Wils. Nach erfolgloser Bestürmung der Stadt traten die Angreifer den Rückzug an. Den Wilern erschien dies als ein Zeichen des Himmels. Seither gedenken sie alljährlich am Pfingstmontag diesem Ereignis mit einer Dankesprozession zu den ehemaligen Stadttoren.

Die Pfingstprozession 2020 findet am Montag, 1. Juni, um 10:00 Uhr nur online statt und wird auf www.kathwil-live.ch und wil24.ch LIVE übertragen; anschliessend kann sie jederzeit im Re-Play wieder betrachtet werden.

(Adrian Zeller)

Im Mittelalter war in der heutigen Schweiz bisweilen eine kriegerische Zeit, es kam immer wieder zu Scharmützeln, zu Raubzügen und zu Waffengängen. Insbesondere während des Altern Zürichkrieges (1440-50) war die Äbtestadt in bewaffnete Auseinandersetzungen verwickelt.

Niemand war in der Region Wil seines Lebens sicher, und Hab und Gut waren ständig gefährdet. Gegnerische Truppen waren unterwegs. Umliegende Dörfer wie etwa Wilen und Zuzwil gingen in Flammen auf. Auf dem Feld oder im Rebberg arbeitende Bauern wurden überfallen. Zum Teil wurden in der Region auch Vieh und Vorräte geraubt.

Die Wiler reagierten auf das Risiko. Sie gruben einen zusätzlichen Graben vor der Altstadt, der sie vor Angriffen besser schützen sollte.

Berüchtigte Gesellen

Auch sie selber waren damals nicht nur Friedensstifter: Ein Haufen von Wiler Landsknechten und Söldnern zogen Richtung Elgg und legte es in Schutt und Asche. Sie überfielen auch weitere Dörfer und Burgen in der Region. Sie waren wegen ihrer Rücksichtslosigkeit bei ihren Raubzügen berüchtigt. Die Brunnenfigur vom Wiler Künstler Werner Hilber auf dem Lindenplatz erinnert heute an diese sogenannten Wiler Böcke.

Bald schon erhielten sie die Quittung für den feindseligen Übergriff präsentiert. Am 13. Mai 1445 zogen Zürcher sowie verbündete Frauenfelder und Diessenhofer Truppen gegen Wil und schossen die untere und die obere Vorstadt in Brand und beschädigten zwei Häuser.Die Wiler wehrten sich heftig. Dabei erstachen die Böcke beim Stadttor etwa den Pfarrer von Lommis. Die Belagerer sahen ein, dass sie die Stadt nicht zu erobern vermochten, sie zogen schliesslich mit ihren Toten ab.

Überstürzte Flucht

Eine Woche später, am 21.Mai, kehrten sie mit Verstärkung zurück. Mehrere tausend Mann unter dem Kommando von Hans von Rechberg bedrängten Wil. Feurige Kugeln und Pfeile flogen ab Mitternacht gegen die Stadt. Von zwei Seiten wurde mittels Leitern versucht, sie einzunehmen.

Die Wiler Männer wehrten sich nach Kräften. Die Frauen und die Kindern flehten ihrerseits in der Kirche Gott, Maria und den heiligen Gallus um Beistand an. Das erhoffte Wunder geschah, bei Tagesanbruch zogen die Truppen ab und liessen etliches Kriegsgerät zurück. Die tatsächlichen Gründe für den überstürzten Rückzug waren wohl weltlicher: die heftig läutenden Sturmglocken hatten die mit Wil verbündeten Schwyzer alarmiert. Die Belagerer Wils fürchteten eingekesselt zu werden, dieses Blutbad wollten sie vermeiden.

Spontaner Dank

Die Wiler empfanden grosse Dankbarkeit für diese Verschonung der Stadt vor der Brandschatzung. Sie hatten nur leicht Verletzte zu beklagen, bei den Gegnern hatten einige ihr Leben gelassen. Der Schultheiss, der Rat sowie die ganze Bürgerschaft stiften damals spontan eine feierliche Prozession, die künftig alljährlich in der Pfingstwoche abgehalten wurde. Dabei wurden jeweils auch die Armen in der Stadt beschenkt.

Den Angreifern hatte der Widerstand der Wiler die Angriffslust genommen. Kleinere Truppenverbände tauchten im Juni auf und raubten in der Region Vieh und erstachen auch vereinzelt Menschen. Schliesslich zogen sie gegen Kirchberg und brandschatzten dort.

Diese Verteidigungsgräben, die die Wiler damals gruben, wurden später, in friedlicheren Zeiten, aufgefüllt und in Gärten verwandelt. Heute spriesst dort frisches Grün und blühen Blumen.

Wil24