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Kultur
29.05.2020
06.09.2020 16:13 Uhr

BEI EINEM BRUNNENRUNDGANG DURCH WIL GIBT ES 23 "HALTESTELLEN"

Über Brunnen ranken sich unzählige Geschichten und Legenden. Sie sind Symbole für Liebe, Glück, Zufriedenheit, Wasserquellen und Treffpunkte zugleich. Hausfrauen und vor allem Wäscherinnen trafen sich dort, erzählten von ihren Sorgen und Nöten, somit hatten die Brunnen einen wichtigen sozialen Aspekt. Von Brunnen liest man in der Bibel, in der Mythologie, in der Literatur, in Märchen, Liedern, Bildern und so weiter. Sie werden nie alt, nicht nur bildlich sind sie wahre Jungbrunnen.  Dazu kommt, dass in der Schweiz aus fast allen Brunnen Trinkwasser fliesst.

(Vroni Krucker) Vielbesucht auf der ganzen Welt Die meisten historischen Brunnenanlagen stehen heute unter Denkmalschutz und gelten als Sehenswürdigkeit. Sie werden gepflegt und sind mit den Menschen verbunden. Solothurn zum Beispiel hat elf historische Brunnen, in Bern plätschern gegen einhundert Wasserspender, in Luzern gar über 200. St. Gallen bietet einen Brunnen-Spaziergang vom Spisertor bis zum Bundesverwaltungsgericht an, und Bischofszell pflegt den Brauch der Osterbrunnen. Weltbekannt und wertvolle Schmuckstücke sind: in Rom der Trevi-Brunnen, in Bern der Kindlifresser-Brunnen, in Brüssel den Manneken Pis, in London der Eros-Brunnen am Piccadylli Circus. Wasserversorgung in Wil bis ins 17. Jahrhundert Die Wasserversorgungsanlage bestand zum einen aus den Brunnenstuben, in denen das Wasser gesammelt wurde. Diese wurden aus massiven Eichenbrettern gezimmert und zur Erhaltung der Wasserqualität periodisch gereinigt. Die Zuleitung zu den Brunnen erfolgte durch Holzrohre, die sogenannten "Deuchel" oder "Tüchel", die in drei Kalibern bis sechs Zentimeter Lichtweite verwendet wurden. Die Leitungen wurden in den Boden gelegt, möglichst dicht aneinander gepresst und die Ansatzstellen mit Lehm, Harz, Hanf und Kuder, dem Abfall beim Hecheln von Flachs, abgedichtet. Neben den grossen Trögen standen meist kleinere, sogenannte Sudelbrunnen, die für gewerbliche Zwecke, für Wäsche und Reinigung und als Tränke für die Haustiere benutzt wurden. Die ursprünglichen Holzbrunnen wurden erst Mitte 19. Jahrhundert durch steinerne ersetzt. Bei einem Brunnenspaziergang in Wil gibt es 23 «Haltestellen». Einzige Wasserquelle Die Wiler Bevölkerung war auf die Brunnen als einzige Wasserquelle angewiesen, der geregelte Umgang mit ihnen war deshalb ein ständiges Anliegen der Wiler Obrigkeit. Vor allem die Reinheit des Wassers sollte gewahrt bleiben. In einem Mandat von 1578 wird deshalb beklagt, dass trotz Verbot immer wieder Stühle, Kessel, Pfannen oder Krüge in den Brunnen gereinigt wurden, was nun nicht mehr geduldet werde. Nur Kinderspielzeug, das Melkzeug und morgens, am Sonntag nach beendetem Gottesdienst, die Spül- und Handbecken durften in den Brunnen gesäubert werden.

Pankratius-Brunnen

Der Stadtbrunnen auf dem Hofplatz ist der älteste steinerne Brunnen der Stadt Wil.  Erstmals taucht er in den Ratsprotokollen im Jahr 1596 auf. Der Stadtrat beschloss damals, dass "Meister Fridli Gruber in Rorschach söl machen ein fest Sach samt einem Mann druf, so in der Rechten ein Panner heben muss und in der Linken einen Schilt mit dem 'W' hat. Alles aus Rorschacher Stein. Dafür soll ihm geben werden 201 Gulden und ein ehrbar Trinkgelt." Der Brunnen sollte achteckig sein, eine Seite 18 Schuh breit und 5 1/2 Schuh hoch. Im Vertrag mit Meister Gruber war auch eine Garantiefrist von 10 Jahren vereinbart worden. Erst nach 35 Jahren mussten  kleinere Mängel behoben werden. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde die Brunnenfigur des "Alten Schweizers" durch Bildhauer Hans Stadelmann erstmals neu geschaffen, der bekannte Maler Hans Ulrich Rissi bemalte sie und versah sie mit einem kupfernen Gürtel. 1672 war wieder eine Renovation nötig, wohl auch im Zusammenhang mit der im gleichen Jahr erfolgten Ueberführung der Gebeine des Märtyrers Pankratius von Rom nach Wil.

Salat aus dem Brunnen

Die Altstadt von Wil ist ein gutes Beispiel für spezielle Brunnenanlagen, die Menschen aus nah und fern anziehen. Der Pankratius-Brunnen vor dem Rathaus prägt das Bild der Altstadt. Ruedi Schär, ehemaliger Stadtrat und Träger des Kulturpreises, weiss viel Spannendes und Lustiges zu erzählen, und Brunnen fasziniere ihn seit der Jugendzeit. So erinnert er ich. «Für uns Kinder war der Brunnen ein begehrter Spielplatz, vor allem die vier Röhren - anspritzen war gross geschrieben. Hielt man dann eine, zwei oder auch mal drei zu – wurde der Druck auf der letzten sehr gross und die dort stehenden Kollegen zur Gaudi aller «pflutschnass» - macht auch heute noch Spass. Auch andere profitierten vom kühlen Nass. Der Gemüsehändler Paul Rütsche zum Beispiel legte seine Salat nachts in den Brunnen und konnte sie anderntags topfrisch anbieten. Eugen Steinlin, Fischer im Stadtweiher, wässerte seinen Fang jeweils im Pankratiusbrunnen – heute unvorstellbar. Solche Geschichten gibt es wohl unzählige, es lohnt sich bei älteren Menschen nachzufragen. Tratsch und Klatsch Pfarrer Steiger: «Was wüsste der gute alte Brunnen und sein Heiliger nicht alle zu erzählen. Ehrbare Bürgersfrauen, fröhliche Töchter und Mägde trugen das kühle Nass nach Hause, nicht bevor sie Neuigkeiten ausgetauscht hatten. Was die Männer in Zunft- und Schützenstuben beim Kühlen Trank erfuhren, erfasste die holde Weiblichkeit am Stadtbrunnen. Allerdings – hätte St. Pankratius eine lebendige Zunge im Munde gehabt, hätte er wohl gar oft den herzutretenden Zungenfertigen als Willkomm und Mahnung das Apostelwort zurufen mögen. «In allem aber wahret die Liebe».

Sorge tragen zum Wasserschloss

Die Schweiz mit ihren unzähligen Seen, Weihern, Flüssen und Bächen gilt als Wasserschloss Europas – aber wie lange noch?  Die Gletscher schmelzen, die Hitzeperioden steigen – da heisst es, Sorge tragen zu diesem wertvollen Nass, sich seines Wertes bewusst sein.