Home Region Sport Magazin In-/Ausland Agenda
Lifestyle
20.12.2020

Auch BAG beobachtet neue Virus-Variante

Menschen stehen am letzten Samstag vor Weihnachten auf der Oxford Street in London vor einem Geschäft Schlange. Foto: Stefan Rousseau/PA Wire/dpa
Besorgt blicken Wissenschaftler und Politiker auf eine neue Variante des Coronavirus, die sich derzeit rasch im Südosten Englands ausbreitet.

Das BAG beobachtet die Situation, will aber keine voreiligen Schlüsse ziehen. Die Niederlande und Belgien haben bereits Einreisestopps verfügt, Deutschland prüft einen solchen.

Noch zu wenige Daten

«Wir beobachten die Situation», teilte Katrin Holenstein, Kommunikationschefin beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), am Sonntag auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA mit. Im Moment lägen jedoch noch zu wenige Daten vor, die verlässliche Schlüsse zuliessen darüber, wie ansteckend die Mutation sei, wie schwer die Infizierten daran erkranken könnten und welche Auswirkungen das veränderte Virus auf die Wirksamkeit der Sars-CoV-2-Impfung habe.

Bis zu 70 Prozent ansteckender

Das Land stehe vor einer enormen Herausforderung, sagte Gesundheitsminister Matt Hancock am Sonntag dem Sender Sky News. Nach ersten Erkenntnissen britischer Wissenschaftler ist die kürzlich entdeckte Variante um bis zu 70 Prozent ansteckender als die bisher bekannte Form. Premierminister Boris Johnson hatte am Samstag betont, es gebe aber keine Hinweise darauf, dass Impfstoffe gegen die Mutation weniger effektiv seien.

Harter Shutdown

Um das Virus einzudämmen, gilt seit Sonntag in der Hauptstadt London und weiten Teilen Südostenglands ein harter Shutdown mit Ausgangssperren, auch über die Weihnachtstage. Mehr als 16 Millionen Menschen sind betroffen. Hancock schloss nicht aus, dass die schärferen Massnahmen «in den kommenden Monaten» in Kraft blieben.

Öffentlichkeit wird informiert

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) twitterte in der Nacht zum Sonntag, sie stehe mit Grossbritannien in engem Kontakt. Die britischen Behörden würden weiter Informationen und Ergebnisse ihrer Analysen und Studien teilen. «Wir werden die Mitgliedstaaten und die Öffentlichkeit auf dem Laufenden halten, sobald wir mehr über die Merkmale dieser Virus-Variante und deren Auswirkungen erfahren.»

Die WHO riet, weiter alle Schutzmassnahmen zu ergreifen, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern. Die Niederlande reagierten bereits und untersagten alle Flüge nach und aus Grossbritannien.

Verzweiflung, Traurigkeit und Enttäuschung

Londons Bürgermeister Sadiq Khan zeigte Verständnis für den Shutdown, bei dem auch nicht lebensnotwendige Geschäfte und Einrichtungen schliessen müssen. «Es ist das Hin und Her, das zu so viel Angst, Verzweiflung, Traurigkeit und Enttäuschung führt», sagte Khan am Sonntag der BBC. «Wenn wir unsere Meinung immer wieder ändern, macht es das Leuten wie mir wirklich schwer, die Menschen zu bitten, uns zuzuhören.»

Höchste Corona-Stufe 4

Wegen der Ausbreitung der neuen Variante wurde für London und andere Regionen in Südostengland die höchste Corona-Stufe 4 eingeführt. Einwohner dürfen dieses Gebiet seit Sonntag nicht verlassen. Nach Bekanntgabe der schärferen Massnahmen machten sich zahlreiche Menschen dennoch am Samstagabend spontan auf den Weg, um aus London abzureisen. Fotos und Videos zeigten volle Bahnhöfe. «Was Sie gestern gesehen haben, war eine direkte Folge der chaotischen Art und Weise, wie die Ankündigung gemacht wurde», sagte Khan.

Khan habe eigentlich Verständnis

Er habe Verständnis, dass Menschen in letzter Sekunde, bevor die Reiseverbote greifen, zu ihren Familien reisen wollen. «Aber es ist falsch», sagte der Bürgermeister. Und mit Blick auf Corona-Impfmittel fügte er hinzu: «Wie werden Sie sich fühlen, wenn Sie das Virus an ältere Verwandte, geliebte Menschen weitergeben, deren Leben wegen des Vakzins lang und fruchtbar sein könnte, der sich aber dadurch mit dem Virus infiziert und - Gott bewahre - stirbt?»

Warnung vor Mutationen des Virus

Der deutsche Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) warnte vor Mutationen des Coronavirus. «Es ist sehr wahrscheinlich, dass Mutationen die Ansteckungsgefahr erhöhen», sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND, Sonntag).

«Das ist ein weiterer Grund dafür, dass die zweite Welle nicht so stark werden darf. Je mehr Ansteckungen man zulässt, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass noch gefährlichere Mutationen folgen. Das ist quasi ein Teufelskreis: Mehr Ansteckungen führen zu mehr Mutationsgelegenheiten und damit zu mehr Mutationen. Diese wiederum führen zu mehr Ansteckungen. So geht es dann immer weiter.»

Wil24/SDA