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Lifestyle
06.09.2020

Wie Corona Beziehungen auf den Kopf gestellt hat

Homeoffice, soziale Isolation, geschlossene Grenzen: Die Coronakrise war und ist für manche Paare eine Belastungsprobe. Was macht das mit der Liebe? Ein Paar- und Sexualtherapeut klärt auf.

Ob Beruf, Freizeit, Familie: Die Einschränkungen der Coronakrise haben in nahezu jedem Bereich unseres Alltags Einzug gehalten. Während sich einige Paare wegen geschlossenen Grenzen gar nicht mehr sehen konnten, waren andere wiederum permanent zusammen. Der St.Galler Paar- und Sexualtherapeut Peter Haas-Ackermann erklärt im Gespräch, wie sich die Coronakrise auf unser Liebesleben auswirkt und was ihm Sorgen bereitet.

Herr Haas, wie haben sich die vergangenen Monate auf Ihre Arbeit als Paar- und Sexualtherapeut ausgewirkt?
Ich konnte nach wie vor Einzel- und Paarsitzungen durchführen, da der Abstand gewahrt werden konnte. Allerdings hatte ich mit meiner Frau, mit der ich seit über 39 Jahren verheiratet  bin, Paarseminare organisiert. Diese mussten wir leider absagen. Zurzeit nehmen die Termine wieder zu, da es eben in vielen Beziehungen kriselt. Aber viele scheinen zumindest aktuell auch gar keine Hilfe zu suchen, denn sie wollen nach dem Corona-Lockdown das Leben wieder in vollen Zügen geniessen und sich nicht mit unbequemen oder gar drängenden Problemen auseinandersetzen.

Warum kriselt es in vielen Beziehungen?
Die vergangenen Monate waren für viele Paare nicht einfach. Plötzlich konnte man nichts mehr unternehmen, hatte keinen Freiraum mehr und konnte Freunde nicht mehr selbstverständlich und unbeschwert treffen. Da kann es schon mal passieren, dass einem Verhaltensmerkmale vom Partner, die man im normalen Alltag leicht wegstecken konnte, zunehmend auf die Nerven gehen. Auch Paare mit Kindern standen vor neuen Herausforderungen. Zudem kamen durch die wirtschaftliche Situation bei vielen existenzielle Fragen und Sorgen hinzu. Aber es gab auch die Paare, die es sehr genossen haben, dass sie durch das Homeoffice mehr Zeit für den Partner aufbringen konnten. Dann gab es noch die Paare, die sich aufgrund geschlossener Grenzen gar nicht sehen konnten. Auch das kann sehr belastend sein.

Kann man also sagen, dass die Coronakrise schuld an gescheiterten Beziehungen ist?
Nicht ganz. Wahrscheinlich hätten sich Paare ohne eine tiefgreifende Beziehungsbasis früher oder später sowieso getrennt. Allerdings war die Coronakrise eine Art Brandbeschleuniger. Man war wie gezwungen sich mit den Problemen zu beschäftigen und darüber nachzudenken, ob die Beziehung glücklich macht oder nicht.

Andererseits munkelt man, dass es einen Babyboom gibt. Kommt Sex im normalen Alltag zu kurz?
Das Phänomen gab es schon damals im zweiten Weltkrieg. Als die Männer für kurze Zeit zurück nach Hause gekommen sind, war endlich wieder Zeit für Zärtlichkeiten und so entstanden viele Babys. Man nannte diese «Urlauberli» und jetzt eben «Corona-Babys». Ich stelle fest, dass der Sex im Alltag bei vielen Paaren sehr oft zu kurz kommt, da einer der Partner oder beide oft müde und erschöpft sind, insbesondere bei Paaren mit kleinen oder auch grösseren Kindern. Der Kopf ist nie wirklich frei und da kommt auch keine Lust hoch. Dabei sehnen wir uns ja alle nach Liebe und Nähe.

«Es scheint so, als ob in vielen Fällen die Beziehungen zueinander kühler und distanzierter geworden sind. Auch die Maskentragepflicht steuert einen wesentlichen Teil dazu bei. »
Peter Haas-Ackermann, Paar- und Sexualtherapeut in St.Gallen

Wie schätzen Sie die Situation für Singles ein? Man kann ja derzeit schwer neue Bekanntschaften schliessen.
Es gab zwei Arten von Singles: Jene, die sich noch einsamer gefühlt haben und noch isolierter lebten oder jene, die sich sagten: Jetzt erst recht und wie wild auf Datingportalen unterwegs waren.

Glauben Sie, dass Corona die zwischenmenschlichen Beziehungen langfristig verändern wird?
Ich bin kein Prophet, aber aus Erfahrungen in meinem beruflichen und privatem Umfeld kann ich sagen, dass sich schon einiges verändert hat. Innige Umarmungen und Begrüssungsküsschen fallen oft weg. Einige finden das schlimm und andere sind regelrecht froh darüber. Es scheint so, als ob in vielen Fällen die Beziehungen zueinander kühler und distanzierter geworden sind. Auch die Maskentragepflicht steuert einen wesentlichen Teil dazu bei. Denn damit geht die Mimik verloren, welche vor allem für Kinder sehr wichtig ist. Das bereitet mir Sorgen. Ausserdem haben viele Menschen Angst und es wurde viel Panik verbreitet. Wir stehen vor einigen gesellschaftlichen Problemen.

Haben Sie einen Tipp für uns, wie wir die Zeit unbeschadeter  überstehen können?
Es ist wichtig, dass man als Paar neue Dinge ausprobiert und immer wieder gemeinsam etwas unternimmt. Meine Frau und ich haben zum Beispiel während des Lockdowns und auch danach immer wieder Ping Pong auf öffentlichen Spielplätzen gespielt. Aktivitäten wie Malen, Wandern, Gartenarbeit oder Velo fahren, schweissen zusammen. Und wenn einem etwas am Partner stört, dann lohnt es sich daran zu denken, über was für tolle Eigenschaften dieser auch noch verfügt. Nach Gold graben lohnt sich oftmals!

 

Miryam Koc