Zahlreiche politisch Interessierte kamen in das katholische Pfarreizentrum Wil, um die Kandidierenden besser kennenzulernen. Acht Kandidierende treten um fünf Stadtratssitze an, zwei davon um das Amt des Stadtpräsidenten. Simon Dudle, Redaktionsleiter der organisierenden Wiler Zeitung, führte die Kandidierenden souverän durch die Diskussion und ging mit ihnen die zentralen Themen Stadtentwicklung, Finanzen und Sicherheit durch.
Ein vielfältiges Feld
Die Kandidierenden präsentierten sich in kurzen, prägnanten Vorstellungsrunden von jeweils drei Minuten, um dann den Fragen von Simon Dudle Rede und Antwort zu stehen. Ein Selbstläufer wird diese Wahl für niemanden – dafür sind die Herausforderer und die Herausforderin zu stark. Es scheint durchaus möglich, dass sich einige bisherige Mitglieder des Stadtrats überraschenderweise eine neue berufliche Herausforderung suchen müssen. Hier eine kurze Einschätzung von Wil24 im Rahmen der 150-minütigen Vorstellung bzw. Gesprächsrunde – alphabetisch geordnet:
Der Integrative: Andreas Breitenmoser (Mitte)
Breitenmoser, in Wil aufgewachsen, hat sich einen Ruf als weltoffener, toleranter Politiker erworben. Einst parteilos, ist er der Mitte-Partei beigetreten, um mit einer Fraktion im Rücken seine Projekte besser durchzusetzen. Leidenschaftlich betonte er seine Erfolge als Stadtrat – und dass er weiterhin für Wil brenne. Die Frage bleibt: Ist Wil nach wie vor offen für zwei Mitte-Stadträte oder ist es einer zu viel?
Die Vielbeschäftigte: Ursula Egli (SVP)
Egli, Stadträtin und Landwirtin, jongliert ihre politischen Aufgaben parallel zur aktuell laufenden Zwetschgenernte. Seit 2021 im Stadtrat, sprach sie über ihre enge Bindung zu Wil und ihr bürger- und wirtschaftsnahes Engagement. Sie ist oft in der Stadt unterwegs, mischt sich unter die Menschen bei Volksfesten und ist jederzeit für ein Gespräch zu haben – all das macht sie sympathisch. Wird sie als erste Politikerin seit Jahren das Departement für Bau, Umwelt und Verkehr politisch länger als eine Legislaturperiode überstehen?
Der Aussenseiter: Andreas Hüssy (SVP)
Hüssy, Stadtparlamentarier der SVP Wil, will hoch hinaus – er kandidiert für das Amt des Stadtpräsidenten. Sein Fokus: Steuergerechtigkeit und eine sichere Stadt. Er geht als Aussenseiter ins Rennen, ohne Exekutiverfahrung, aber mit Führungserfahrung und klaren Positionen. Ob ihm die Vorwürfe gegen den amtierenden Stadtpräsidenten in die Karten spielen, bleibt abzuwarten.
Der Bemerkenswerte: Sebastian Koller (Grüne Pro Wil)
Koller ist seit 14 Jahren im Parlament und verbindet sein Engagement in der Zivilgesellschaft mit seiner politischen Tätigkeit. Er kritisiert den Stillstand in der Stadtentwicklung und fordert mehr Tempo bei der Umsetzung laufender Projekte. Als Veterinärmediziner und Jurist ist er mit einer beeindruckenden Themenbreite und tiefer Dossier Kenntnis unterwegs. Ob er für die grosse Überraschung sorgen kann? Gut möglich.
Die Vielseitige: Cornelia Kunz (FDP)
Kunz, aufgewachsen als Tochter einer Wirtefamilie, bringt als Finanzspezialistin und ehemalige Klinikmanagerin eine breite berufliche Erfahrung mit. Auch in ihrer Freizeit packt sie an: Abends und an Wochenenden unterstützt sie ihren Mann in der Administration seines Baumanagement-Unternehmens. «Kein Netflix-Abo, dafür lange Nächte im Büro», beschreibt sie ihren Alltag. Als Maugwilerin vertritt sie die Interessen der Aussendörfer von Wil. Ihr pragmatischer Ansatz überzeugt: Zuerst die bereits geplanten Projekte umsetzen, bevor neue Visionen entwickelt werden. Politisch erfahren und rhetorisch stark – Kunz ist bereit für das Amt.
Der Vereinsmensch: Hans Mäder (Mitte)
Mäder, der amtierende Stadtpräsident, betrachtet sich als bodenständigen Diener der Wiler Bürger. Mit Stolz verweist er auf seine Erfolge: die Beruhigung der politischen Lage, zahlreiche „pfannenfertige“ Projekte und sein Ruf als nahbarer, volksnaher Politiker. Doch die Steuerfusssenkung und die hohen Mehrkosten für den Hof zu Wil bleiben als Schatten auf seiner eigenen Bilanz. Und dann ist da noch die E-City-Affäre – wird sie ihm zum Verhängnis? Vermutlich nicht. Die eigentliche Frage ist, ob er die Wahl bereits im ersten Wahlgang für sich entscheidet oder ob die Wiler ihm einen Denkzettel verpassen.
Der Tatkräftige: Manuel Nick (SP)
Manuel Nick, 35 Jahre alt, sieht sich als Stimme der jungen Generation. Als Projektleiter bei Stadler Rail in Bussnang bringt er wertvolle Führungserfahrung mit. Zudem ist er seit Jahrzehnten engagiert in Wil. Besonders am Herzen liegen ihm die Kultur- und Bildungspolitik, Themen, die er als potenzieller Nachfolger von Dario Sulzer bei der SP vorantreiben möchte. Ein weiteres Anliegen ist ihm, durch intelligente Massnahmen die finanzstarken Steuerzahler in Wil zu halten. Ob es jedoch strategisch klug war, neben Koller einen zweiten linken Kandidaten ins Rennen zu schicken, bleibt abzuwarten.
Der Erfahrene: Jigme Shitsetsang (FDP)
Jigme Shitsetsang, der einzige Kandidat mit Migrationshintergrund – ein Punkt, den er selbst betonte – bringt umfassende Führungserfahrung aus Wirtschaft und Militär mit. Seit 2009 politisch aktiv, sieht er sich als ruhigen, verlässlichen Leiter des grössten Departements in Wil, Bildung und Sport, das er ohne viel Aufsehen führt. Mit seinem geselligen Wesen und seiner langjährigen Erfahrung hat Shitsetsang beste Chancen auf einen sicheren Wiedereinzug in den Stadtrat.
Spannende Debatten und hitzige Diskussionen
Obwohl die Podiumsdiskussion grösstenteils ruhig verlief, entfachte das Thema Sicherheit lebhafte Debatten. Von Vergleichen mit Berlin-Kreuzberg bis hin zu Aussagen wie „nicht gefährlich, nur etwas laut“ wurden viele Standpunkte vertreten. Einig waren sich alle: Es muss etwas getan werden. Die staatliche Förderung des Kulturlokals Gare de Lion, die Entwicklung von Wil als Tourismusdestination und die Neuausrichtung des Kathis waren weitere zentrale Themen. Während die bürgerlichen Parteien auf Wachstum und Stabilität setzten, betonten SP und Grüne Pro Wil die Bedeutung von Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit – etwa bei der Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum.
Fazit: Wil hat nicht nur eine Wahl, sondern eine Auswahl an äusserst kompetenten Kandidatinnen und Kandidaten. Allein das ist schon ein Erfolg. Am 22. September wird sich zeigen, welche Visionen die Bevölkerung überzeugt haben – und ob die Amtsinhaber ihre Posten verteidigen können. Klar ist: Diese Wahl bleibt spannend bis zum Schluss.