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20.10.2020
22.10.2020 11:05 Uhr

Chris von Rohr: «Alarmjournalismus als Angstschürer»

Chris von Rohr: «Gute, aufrichtig hinterfragende Menschen, die sich nicht mund- und gehirntot machen lassen, verlieren ihre Anstellung oder werden von Universitäten und Medienunternehmen verwiesen.»
«Wir dürfen uns nicht den gesunden Menschenverstand stehlen lassen.» Chris Von Rohr plädiert in seiner neusten Kolumne für die Meinungsfreiheit.
  • Kolumne von Chris von Rohr

«Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äussern dürfen.» Voltaire (1694–1778)

Der freie Journalist, Schriftsteller und Philosoph Gunnar Kaiser sprach letzthin ein paar wichtige Worte: Seit einigen Jahren macht sich ein Ungeist breit, der das freie Denken und Sprechen in den Würgegriff nimmt und die Grundlage des freien Austauschs von Ideen und Argumenten untergräbt. Informationsinseln versinken.

Personen des öffentlichen und kulturellen Lebens werden stumm geschaltet und stigmatisiert. Wir erleben gerade einen Sieg der Gesinnung über rationale Urteilsfähigkeit. Nicht mehr die besseren Argumente zählen, sondern zunehmend zur Schau gestellte Haltung und richtige Moral.

Mainstream lässt kaum Gegenstimmen zu

Dieser Appell trifft den Nagel auf den Kopf. Wer auf die Gunst eines grösseren Publikums oder seinen Job angewiesen ist, tut sich heutzutage einen Gefallen, wenn er über brisante Themen schweigt oder aufpasst, was er wie oder wo sagt. Die Drohung der Andersdenkenden, dass sie gewiss nie mehr deine Auftritte besuchen werden, folgt nämlich in Minutenschnelle.

Gute, aufrichtig hinterfragende Menschen, die sich nicht mund- und gehirntot machen lassen, verlieren ihre Anstellung oder werden von Universitäten und Medienunternehmen verwiesen. Der Meinungskorridor wird immer enger und das Meinungsdiktat immer grösser. Der Mainstream lässt kaum mehr Gegenstimmen zu.

Medien mit Alarmjournalismus als Angstschürer

Wenn die Medien ihre Macht als Angstschürer, Betroffenheitsmoralisten und Durchlauferhitzer mit Alarmjournalismus missbrauchen und wohltemperiert formulierte Kritik an ihrer Berichterstattung auf den sozialen Kanälen löschen oder unterdrücken, wird es zwangsläufig immer mehr Extremismus und Unfrieden geben.

Kritische Beobachter oder Forscher, welche unsere Politiker und gewisse Staatsmassnahmen hinterfragen, werden regelmässig pauschal als Wutbürger, Rassisten, Covidioten, Corona-Leugner, Ignoranten und schlimmstenfalls als Nazis diffamiert.

Zuhören, Hinterfragen und Verzeihen

So ist aber keine ernsthafte und fruchtbare Auseinandersetzung mit dem Thema möglich. Die Wahrheit hat bekanntlich viele Gesichter und darf nicht zur Glaubensfrage werden. Wohin Gleichschaltung und Sozialismus führen, können wir in den jeweiligen Ländern sehen und der Geschichte entnehmen. Wir brauchen eine Kultur des Zuhörens, des Hinterfragens und des Verzeihens.

Direkte Demokratie geht verloren

Solange wir keine offene und mutige Debatte zu Reizthemen wie Klima, Zuwanderung, Tierquälerei, Bevölkerungswachstum und Covid zulassen, werden wir keine geeigneten Lösungen für unsere Probleme finden. Ein immer tieferer Graben entsteht auch in der Schweiz, und die einmalige, weltweit oft gepriesene direkte Demokratie wird verloren gehen. Wollen wir das? Ich nicht.

Querdenker dürfen Meinung äussern

Liebe Leser und Leserinnen: Retten wir das Meinungsklima! Wir dürfen die grossen Themen nicht extremen, lautstarken Minderheiten überlassen und uns aus der Verantwortung des gesunden Menschenverstands stehlen. Seien wir zugänglich, mutig und tolerant. Respektieren wir die andere Meinung des anderen Menschen, und lassen wir uns nicht von Ängsten und bösen Geistern treiben, die unsere offene, liberale Gesellschaft untergraben.

Geben wir auch Querdenkern das Recht, folgenlos ihre Wünsche, Meinungen und Ideen zu äussern, so wie wir uns das vom Gegenüber auch wünschen. Das Leben ist unberechenbar, oft gemein, aber es ist auch schön, wenn wir es zulassen und dankbar feiern. In dem Sinn: Bleiben wir 360 Grad offen, und fördern wir echte Diskussion, den Austausch und Erkenntnisgewinne. Es lohnt sich.

Angaben zu Chris von Rohr

Weitere Kolumnen «Notabene» finden Sie auf der Website der «Schweizer Illustrierten».

Mehr über Chris von Rohr auf www.chrisvonrohr.ch und auf seinem Instagram-Account.

Chris von Rohr, Autor, Musiker und Produzent