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Stadt Wil SG
02.01.2026

Auf dem Wiler Hofplatz wurde immer wieder Geschichte geschrieben

Besetzung des Hofs zu Wil durch Berner und Zürcher Truppen im Jahr 1712. Bild: Stadtarchiv Wil
Der Hofplatz erweist sich als städtebaulicher Glücksfall, er bietet eine perfekte Plattform für unterschiedlichste Anlässe, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Allerdings spielte sich auch weniger Erfreuliches auf der Fläche vor dem Hof ab.
Pankratius Fest auf dem Hofplatz im Jahr 1922. Bild: Stadtarchiv Wil

Wimmern und Stöhnen, Pferdegetrampel, Kommandos in österreichischen Dialekten – so ungewohnt muss es im Frühjahr 1799 auf dem Hofplatz geklungen haben. Französische und österreichische Truppen kämpften während Wochen zwischen Zürich und Vorarlberg um die Vorherrschaft; Wil geriet dabei zwischen die Fronten. Gemäss dem Chronisten Karl Ehrat gelangten dabei rund 400 verwundete Österreicher nach Wil. Ein Teil von ihnen wurde auf dem Hofplatz gelagert und gepflegt. 

Reiseproviant für Gefangene

Wenige Wochen zuvor waren die Franzosen in Wil eingezogen. Mit ihnen kamen über fünfhundert Gefangene der gegnerischen Truppen an. Sie reihten sich zwischen Hof und dem Gasthaus zum Wildem Mann auf. Die Stadt musste auf eigene Kosten jedem Gefangenen ein Pfund Brot, ein grosses Stück Käse sowie Wein als Verpflegung mitgeben, bevor sie weiterzogen.

Besetzung Wils

Bereits 1712 wurde die Stadt von fremden Truppen bevölkert: Im sogenannten Toggenburgerkrieg kam es zu bewaffneten Konflikten zwischen den reformierten und den katholischen Orten der Eigenossenschaft. In diesem Zusammenhang nahmen am 22. Mai Zürcher und Berner Truppen Wil als fürstäbtischer Sitz ein, die Besatzer nahmen vor dem Hof Aufstellung.  

Als der 2. Weltkrieg vor der Türe stand, setzte der Bundesrat auf «geistige Landesverteidigung». Mit Kinofilmen und anderen Medien sollte der Wehrwillen in der Bevölkerung angestachelt werden. Dazu wurde 1938 die Geschichte von Füsilier Wipf verfilmt. Einige Szenen des gleichnamigen Streifens wurden auf dem Hofplatz gedreht.

Repräsentanten der Macht

Der Hofplatz war auch immer wieder ein Repräsentationsort für jene, die in Wil Macht ausübten. Anfang Januar wählten die Männer im historischen Wil die Stadtregierung sowie die Richter. «Die jeweilige Wahl und Einsetzung der Behörden entbehrt nicht einer gewissen Feierlichkeit», schreibt Ehrat. Oft kam der Abt persönlich nach Wil, um am Wahltag der Einsetzung der Räte und der Richter in ihre Ämter teilzunehmen. «Die Stadtbehörde holte den Landesherrn im Hofe ab und gab ihm das Geleit zum Rathause», berichtet Ehrat. Von 1505 bis 1854 stand das ehemalige Wiler Rathaus zwischen dem Baronenhaus und der Liegenschaft «zum Hartz».

Vor über zweihundert Jahren verliess der letzte Fürstabt den Hof zu Wil, die Zeit des St. Galler Klosterstaates war abgelaufen. Seither besorgen weltliche Personen die Regierungsgeschäfte: Am 19.Dezember 2024 wurde die Wilerin Karin Keller-Sutter auf dem Hofplatz als Bundespräsidentin geehrt.

Ehre der anderen Art

Es gelte zu bedenken, dass es eine besondere Ehre sei, in der Bulle vorzukommen, lautet die traditionelle Schlussformel des humoristischen Jahresberichts. In ihm berichtet FGW-Herold Mike Sarbach jeweils am Gümpelimittwoch dem Publikum auf dem Hofplatz in Versform von Fehltritten in der Wiler Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in den vergangenen zwölf Monaten.

Zuvor findet ein schauerliches Spektakel statt: Mehrere Dutzend Jugendliche und Erwachsene stürmen nach 19 Uhr in teuflischer Maskerade aus dem Hof und verleihen dem Hofplatz ein Geisterbahn-Flair. Am darauffolgenden Samstagabend ertönen die Tubas, Posaunen und Trompeten der Mitglieder verschiedener Guggenmusigen am Monsterguggenkonzert auf dem Hofplatz, sehr zur Freude des Publikums. 

Aufruf zur Bürgerwehr

Wie schräge Katzenmusik im Stil einer Guggenmusig kam es offenbar einigen Wilern vor, als verschiedene Bands an den ab 1980 vier Mal durchgeführten Openair-Festivals auf dem Hofplatz aufspielten. Der Kulturanlass erzeugte viel Widerstand und Unmut. Ein Lehrer sammelte Unterschriften gegen diese Events. Und in den Leserbriefspalten der Lokalzeitungen wurden gar zur Bildung einer Bürgerwehr aufgerufen. Personen «von St. Gallen bis Elgg» sollten nach Wil strömen. Falls vorhanden, sollten sie Kesselpauken, Pfannendeckel, Pfeifen und Trommeln mitbringen. Auch der Einsatz von Stinkbomben wurde als letztes Mittel nicht ausgeschlossen.

Generationenkonflikt

Abzuwehren galt es das «Röhrlehosen-Grünzeug», das beabsichtigte »Alternativ-Kultur-Gelichter mit seinem ohrenbetäubenden Gebrüll und Mestizengeschrei, 13fach verstärkt und begleitet von brechreizendem atonalem Pumpum-Pumpum-Pum» mit allen Mitteln zu verhindern. «Wenn die zuständigen Behörden nicht mehr willens und imstande sind, für Wahrung des einfachsten Anstandes hier oben zu sorgen, beleibt uns nur noch die handfeste Notwehr übrig», schrieb ein sehr erboster Leserbriefschreiber Ein anderer befürchtete auf dem Hofplatz ein Drogenmekka: «Ich finde es von den Veranstaltern des 1. Wiler Altstadt-Open-Airs verantwortungslos, dass sie mit der Einwilligung zum umfangreichen Verkauf von Drogenutensilien geradezu zum Einstieg in die Hasch- und Drogenszene auffordern», empörte sich ein Bürger aus Zuzwil in einer Zeitung. Die Altstadt Openairs seien zur Projektionsfläche des damals tobenden Generationenkonflikts geworden, schreiben die Historiker Oliver Schneider und Verena Rothenbühler in der neuen Wiler Stadtchronik rückblickend.  

Kultur-Highlights

Längst sind die Gemütsaufwallungen abgeflaut. Mittlerweile ist der Hofplatz regelmässig zur  perfekten Bühne für das Classic Openair. Der Chor zu St. Nikolaus, der Männerchor Concordia, das Sinfonische Orchester Wil, verstärkt durch Solistinnen und Solisten, locken Publikum aus nah und fern in die Wiler Altstadt.

Weitere regelmässig durchgeführte Anlässe auf dem Hofplatz sind die Hofchilbi, das Etappenziel des «Frauenfelders», das Adventssingen, die Prämierung der schönsten Silvesterlaternen sowie der Schlusspunkt des Stäckliträge-Umzugs der Stadtschützen.  

Dreharbeiten Füsilier Wipf im Jahr 1938. Bild: Stadtarchiv Wil

Wie der Hofplatz zu seinem Zweitnamen kam

Wil war schon früh ein wichtiger Handelsplatz, seit 1301 besass es das Marktrecht. Vieh, Textilien, landwirtschaftliche Erzeugnisse und vieles mehr wechselten den Besitzer. Abt Ulrich Rösch, eine Schlüsselfigur in der Wiler Stadtentwicklung, verschaffte der Stadt 1472 ein zusätzliches Marktrecht. Die damit verbundenen Steuereinnahmen trugen zur Prosperität von Wil bei. Vor allem in der Oberstadt siedelten sich verschiedene Handwerksbetriebe sowie Wirtshäuser an. Weil deren Inhaber gut von ihrem jeweiligen Gewerbe leben konnten, wird der Hofplatz bis heute auch öfters als «Goldener Boden» bezeichnet.

Die Wiler Hofchilbi hat ihren Ursprung im Jahr 1540. Bild: pd.
Classic Openair Hofplatz Wil seit 2021. Bild: pd.
Das Monsterguggenkonzert während der Wiler Fastnacht. Bild: pd.
Adrian Zeller, Journalist
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